Heinz Pollak
Geb. am: |
18. Juni 1911 |
Fakultät: |
Medizinische Fakultät | Medizin Universität Wien |
Kategorie: |
Vertriebene Studierende |
Heinz POLLAK, geb. am 18. Juni 1911 in Wien (heimatberechtigt in Wien, Staatsbürgerschaft: Österreich), Sohn von Leo (Leopold) Pollak (Kaufmann, Filialleiter) und Ella, geb. Lewinson, wuchs bis zu seinem 14. Lebensjahr in Wien 19 auf.
1925 zog die Familie nach Berlin. Als ältester Sohn musste Heinz Pollak seine Schulausbildung abbrechen und eine Lehre beginnen, um die Familie finanziell zu unterstützen. Zwei Jahre später konnte er wieder zurück zur Schule und machte im Herbst 1931 sein Abitur. Er ging aus Kostengründen zum Studium nach Wien – für ihn als Österreicher billiger als in Deutschland – und inskribierte im Wintersemester 1931/32 an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien Germanistik mit dem Berufswunsch Journalist/Schriftsteller. Die Qualität der angebotenen Lehrveranstaltung ließ ihn aber bereits 1932 das Studium abbrechen und nach Berlin zurückgehen, wo er daraufhin im Wintersemester 1932/33 ein Medizinstudium begann. Nach der Machtergreifung der NSDAP im Jänner 1933 in Deutschland wechselte er aber im Sommersemester 1933 wieder an die Universität Wien zurück, da dort die politische Lage stabiler schien. Heinz Pollak betätigte sich in der sozialistischen Studentenschaft und wohnte in verschiedenen Zimmern zur Untermiete – zuletzt in Wien 9, Tendlergasse 3/21. Im Wintersemester 1937/38 war er an der Medizinischen Fakultät im 10. Studiensemester inskribiert (Absolutorium ausgestellt am 3. November 1938). Heinz Pollak konnte sein Studium am 31. Oktober 1938 noch im Rahmen einer 'Nichtarierpromotion' abschließen.
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Ich hatte das zweite Rigorosum gerade beendet und stand vor dem dritten und letzten Abschnitt meines Medizinstudiums, es fehlten mir die Prüfungen in Chirurgie, Haut, Psychiatrie, Gerichtsmedizin und Augen. Im März kam bereits die Verordnung, Juden dürfen die Universität nicht mehr betreten.
Darauf bin ich eine Zeit lang in Berlin gewesen und habe im Buchhaltungsbüro von Onkel Fritz gearbeitet. Irgendwie mußte ich ja die Zeit totschlagen. Mir war schon klar, daß ich sobald wir möglich auswandern sollte. Aber ich war noch immer halbfertig und zu gar nichts gut. Vielleicht habe ich auf ein Wunder gehofft. Daß dieses Wunder dann wirklich eintreten würde, hätte ich im Leben nicht geglaubt.
Im August fuhr ich wieder nach Wien und ging bestimmt täglich zur Universität nachschauen, ob sich nicht doch irgend etwas zu meinen Gunsten geändert hatte. Dann, am 3. September, hing plötzlich am Anatomischen Institut ein Zettel, auf dem stand, daß alle jüdischen Medizinstudenten im zweiten und dritten Rigorosum bis zum 15. Oktober fertig machen könnten!
Ich habe keine Ahnung, warum wir unser Studium beenden durften. Irgend jemand hat sich vielleicht gesagt, es sind nur so wenige, zwölf, dreizehn Studenten, wenn wir ihnen den Stempel draufdrücken, vergeben wir uns nichts. Noch hat es Leute gegeben, die nach außen hin einen guten Eindruck vermitteln wollten. Wir haben zwar alle gelernt wir die Verblödeten, aber du kannst den Stoff in der kurzen Zeit, vier, fünf Wochen, gar nicht schaffen. Die Professoren haben uns wirklich anständig behandelt, und ich glaube, wir sind alle durchgekommen. Ich erinnere mich, daß eine Studentin zu heulen angefangen hat, weil sie keine Ahnung gehabt hat, warum das Kind im Mutterleib nicht atmet, die einfachste Frage. Sogar die ist irgendwie durchgekommen.
Aber das seltsamste kommt noch: Als wir alle Rigorosen hinter uns hatten, waren wir doch Doktoren, und es hätte eigentlich eine Promotionsfeier stattfinden müssen. Aber soweit konnten sie im Oktober '38 nicht gehen. Folgendes hat sich abgespielt: Wir fanden uns alle im medizinischen Dekanat ein, weil man uns gesagt hatte, dort würde man uns das Zeugnis aushändigen. Auf einmal erscheint in Zivil, ohne Ornat, der Herr Dekan Pernkopf, ein Nazi der ersten Stunde, und hält uns eine Rede: 'Meine jungen Kollegen, Sie haben jetzt alle das Doktorat gemacht, ich lasse Ihnen die Diplome aushändigen. Sie wissen, daß Sie nicht berechtigt sind, hier Ihren Beruf auszuüben. Sie werden daher sicher ins Ausland gehen, und ich wünsche Ihnen eine gute Berufslaufbahn. Zeigen Sie dort, was Sie an der Wiener Universität gelernt haben, halten Sie der Alma Mater Viennensis die Treue!'"
POLLAK 1994, 52-54
Anfang 1939 flüchtete Heinz Pollak bei Aachen über die Grenze nach Belgien und arbeitete in Antwerpen eineinhalb Jahre lang als Arzt beim jüdischen Komitee für Flüchtlinge.
Als am 10. Mai 1940 die deutsche Wehrmacht Belgien besetzte, wurde er verhaftet und später in das Internierungslager St. Cyprien/Frankreich deportiert und wenig später nach Gurs/Frankreich, wo er sich bald als Arzt für die Internierten betätigte.
1941 gründete die Organisation "Amitié Chrétienne" unter Schirmherrschaft des Erzbischofs von Lyon sogenannte "Aufnahmezentren". Die dort internierten Flüchtlinge durften sich im Umkreis von einigen Kilometern ihrer Unterkunft relativ frei bewegen. Aufgrund ihrer medizinischen Kompetenz gehörten Heinz Pollak und Ilse Leo zu den ersten 57 Insassen, die am 25. November 1941 aus Gurs in das Aufnahmezentrum von Chansaye im Département Rhône überstellt wurden. In Chansaye wurde seine spätere Frau, die Krankenschwester Ilse Leo, die er im Internierungslager kennengelernt hatte, schwanger und brachte am 2. September 1942 in Lyon ihre Tochter Susanne Edith zur Welt. Während ihres zweiwöchigen Aufenthalts in Lyon wurde Heinz Pollak vor bevorstehenden Verhaftungswellen der französischen Polizei gewarnt und konnte untertauchen. Drei Wochen nach der Entbindung besuchte er heimlich seine Frau und seine Tochter und ging dann mit anderen Flüchtlingen nach Lyon, wo er falsche Ausweispapiere erhielt ("Henri Poulain", später "Preller", "Tréflère").
Ilse und Susanne Pollak blieben noch ein Jahr in Chansaye und kamen anschließend in das Aufnahmezentrum von Vic-sur-Cère im Département Cantal. Von März bis zur Befreiung im August 1944 arbeitete Ilse Pollak als Krankenschwester in einem jüdischen Kinderheim in Limoges.
In Lyon nahm Heinz Pollak Kontakt zur Widerstandsgruppe der österreichischen Kommunistischen Partei auf und wurde Mitglied in der M.O.I. (Main-d'œuvre immigrée), einer Unterorganisation der F.T.P. (Francs-tireurs et partisans). Verdeckt arbeitete er ab Juni 1943 als ziviler Dolmetscher bei der deutschen Heeresunterkunftsverwaltung in Narbonne, leitete Informationen an die Résistance weiter und unterstützte sie finanziell. Im März 1944 wurde er nach Carcassonne verlegt. Als seine Gruppe in Lyon im Juni 1944 von der Gestapo enttarnt wurde, flüchtete Heinz Pollak und erreichte nach einigen Tagen eine Widerstandseinheit des Maquis im Cevennengebirge, wo er bis zur Befreiung im August 1944 als Dolmetscher und Arzt die Aktivitäten der Partisanen unterstützte.
Im September 1944 zog die Gruppe in die befreite Stadt Alès, wo Heinz Pollak erstmals seine Frau Ilse und seine Tochter Susanne wiedersehen konnte. Im Auftrag der Kommunistischen Partei baute er in Toulouse eine Gruppe der österreichischen Befreiungsfront auf.
Im April 1945 beauftragte ihn die Partei, nach Österreich zurückzukehren. Zu Fuß überquerte seine Gruppe die Alpen in Richtung Italien und gelangte über Jugoslawien nach Österreich. Da im Wien der unmittelbaren Nachkriegszeit großer Ärztemangel herrschte, ernannte das Wiener Gesundheitsamt Heinz Pollak zum Amtsarzt für den 2. Bezirk. Im August 1945 erhielt er eine Arztpraxis sowie eine Wohnung in Kaisermühlen zur Verfügung gestellt, sodass seine Familie im Dezember 1945 ebenfalls nach Wien ziehen konnte. Im Mai 1946 heirateten Heinz und Ilse Pollak offiziell am Standesamt in Wien-Floridsdorf. 1947 wurde Sohn Thomas, 1952 die zweite Tochter Elisabeth geboren.
Ilse Pollak bestand im Alter von 60 Jahren die Matura und schloss fünf Jahre später ein Psychologiestudium ab.
1998 wurde Heinz Pollak von der Medizinischen Fakultät geehrt. Er starb im Jahr 2003.
Lit.: freundlicher Hinweis seiner Tochter Susanne Pollak 2009; POLLAK 1994; Traces & empreintes – Ein gewöhnliches Exil; USC Shoah Foundation Institute for Visual History and Education, University of Southern California, Interview 49162; KNIEFACZ/POSCH 2017a; KNIEFACZ/POSCH 2017c.
Katharina Kniefacz