Präambel

An der Universität Wien wurden im Jahr 1938, mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus über 2.700 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität entlassen und in der Folge vertrieben und/oder ermordet - Lehrende, Studierende und MitarbeiterInnen der Verwaltung, des weiteren wurde über 200 Personen der akademische Grad aberkannt. 70 Jahre nach dem sogenannten "Anschluß" und der Pogromnacht (zynisch: "Reichskristallnacht") erinnert die Universität Wien 2008 an dieses Unrecht und  ...

person

Karl Josef B. Frank

  • Geb. am: 31. Mai 1893
  • Fakultät: Philosophische Fakultät
  • Kategorie: Doktorgradaberkennung

Karl Josef Borromäus FRANK (Pseudonym: Paul HAGEN), geb. am 31. Mai 1893 in Wien als Sohn eines kleinen Fabrikanten, gest. am 21. Mai 1969 in New Milford, Connecticut/USA, trat 1906 im Alter von 13 Jahren aus der römisch-katholischen Kirche aus. Er besuchte nach der Unterrealschule die Artillerie-Kadettenschule in Traiskirchen/Niederösterreich, die er jedoch vorzeitig verließ, legte am 21. Februar 1912 die Reifeprüfung als Externist an der Staatsrealschule in Wien 15 ab und begann anschließend ein Studium an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien. Ab Sommersemester 1912 war er über drei Semester zunächst als außerordentlicher Hörer inskribiert, nach der Absolvierung der Ergänzungsprüfung für. Realschulabsolventen am 22. Oktober 1913 dann für zwei Semester als ordentlicher Hörer. Wie die militärische Ausbildung und der Kriegsdienst als Leutnant eines Artillerieregiments der österreichisch-ungarischen Armee ab August 1914 seine politische Einstellung beeinflussten beschrieb Karl Frank in seinem Curriculum Vitae:

"Nach Kindheit und Volksschuljahren besuchte ich auf Wunsch meines Vaters die Unterrealschule von wo man mich aber über mein Drängen in die Artilleriekadettenanstalt eintreten liess. Sechs Semester dort genügten um mich für immer von meinen Soldatenidealen zu kurieren und da man mir nicht neuerdings nachgeben wollte, – diesmal wollte ich studieren – verliess ich die Anstalt heimlich nach Ablegung der Externistenmatura und setzte mich nochmals auf diese Weise durch. Literarische Aspirationen trieben mich erst der Germanistik zu, wurden aber bald durch immer stärkeres Naturwissenschaftliches und philosophisches Interesse verdrängt. (Lateinische und griechische Kenntnisse hatte ich mittlerweile nachgeholt). Drei Kriegsjahre Militärdienst unterbrachen neuerdings meine Studien. Bis ich im August 1917 endlich als invalid entlassen wurde, nachdem ich als überzeugter Pazifist weitere Kompattantendienste verweigert hatte. Die beiden letzten Semester konnte ich mich daher ganz dem Studium vor allem der Psychologie widmen." (Archiv der Universität Wien/Philosophische Fakultät: Rigorosenakt PH RA Nr. 4540, Curriculum Vitae)

Die Ergänzungsprüfung in Griechisch hatte Karl Frank während eines Front-Urlaubes am 23. November 1915 erfolgreich absolviert. Im Wintersemester 1917/18 und Sommersemester 1918 setzte er sein Studium an der Universität Wien fort und stellte seine Dissertation fertig. Mit Genehmigung des k.k. Ministeriums für Kultus und Unterricht konnte er bereits nach sieben Semestern zu den Rigorosen antreten (unter Anrechnung von zwei Kriegssemestern). Seine Dissertation 'Beiträge zur Psychologie der Lüge' wurde am 1. Juli 1918 von den Referenten Adolf Stöhr und Alois Höfler approbiert. Am Folgetag bestand er das zweistündige Rigorosum bei diesen beiden Prüfern im Fach Philosophie, am 5. Juli das einstündige Rigorosum im Nebenfach Zoologie bei Berthold Hatschek und Karl Grobben. Am 8. Juli 1918 promovierte er schließlich an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien und erwarb damit den Grad eines Dr. phil. in Philosophie.

Karl Frank trat 1917 der "Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Österreich" bei und der "Freien Vereinigung sozialistischer Studenten" an, die im Februar 1918 verboten wurde. Ende des Jahres wirkte er bei der Gründung des "Verbands der sozialdemokratischen Studenten und Akademiker" mit und vertrat das Studentenkomitee auch im Wiener Universitätsausschusses und im "Wiener Arbeiterrat". Frank gehörte der linksradikalen Gruppe um Paul Friedländer, Ruth Fischer und Gerhart Eisler an, veröffentlichte 1919 auch ein Buch gegen Antisemitismus und wurde Mitglied der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) bei, in welcher er auch vorübergehend als Redaktionsmitglied der Parteizeitung Rote Fahne wirkte.
Frank übersiedelte 1920 nach Berlin/Deutschland, wo er der "Kommunistischen Partei Deutschlands" beitrat und zunächst Mitherausgeber der Zeitschrift „Die Internationale“ wurde. Er heiratete die Schriftstellerin Alice Herdan und bekam mit ihr eine Tochter. 1923 vom Zentralkomitee als Verbindungsmann nach Bayern geschickt, um einen Aufstand mitzuorganisieren, wurde Frank verhaftet und wurde nach Flucht und neuerlicher Verhaftung im Juli 1924 nach Österreich abgeschoben, wo er seit November 1924 der Parteileitung der KPÖ angehörte.
Ende 1926 kehrte er wieder nach Berlin zurück, war als Funktionär der KPD sowie als Redakteur verschiedener Zeitschriften und des KPD-Pressedienstes tätig. Im Oktober 1928 war Karl Frank an der Entführung des Redakteur der Zeitung "Vorwärts" Wolfgang Schwarz verwickelt und wurde im Februar 1929 wegen Freiheitsberaubung in Tateinheit mit Nötigung zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Nach Entlassung aus der Haft wurde er wegen Differenzen aus der KPD ausgeschlossen und trat noch im Frühjahr 1929 der "Kommunistischen Partei Deutschlands / Opposition" bei sowie wenig später der "Miles-Gruppe" (auch "Leninistische Organisation"), die mit Verbindungen zur KPD und SPD die Spaltung der Arbeiterbewegung in Deutschland zu überwinden versuchte (Pseudonyme: Willi Müller, Paul Hagen, Josef und Maria). Daneben arbeitete er als freischaffender Journalist sowie als Korrespondent verschiedener sozialdemokratischer Zeitungen in Europa, widmete sich historischen und psychologischen Studien und unterzog sich einer Psychoanalyse. Im Auftrag der "Leninistischen Organisation" trat er 1932 zur "Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands" (SDAP) über, wurde Mitglied des Parteivorstands, Reichsleiter des "Sozialistischen Schutzbunds" und Mitarbeiter der "Sozialistischen Arbeiterzeitung", wurde jedoch bereits Ende dieses Jahres wieder aus der Partei ausgeschlossen. 1933 wurde er Mitglied der SDP.

Kurz nach der NS-Machtergreifung 1933 flüchtete Karl Frank nach Wien, 1934 weiter nach Prag/Tschechoslowakei, wo er bis 1935 für die "Leninistische Organisation" (später „Gruppe Neu Beginnen“) das Auslandsbüro leitete. Er knüpfte internationale Kontakte zu sozialistischen Organisationen und Funktionären, wirkte an Aufbau und Verbesserung der Organisationsstruktur der illegalen Gruppen in Deutschland mit und leitete seit der Spaltung der Gruppe 1935 unter dem Pseudonym „Wilhelm Müller“ die Exilstrukturen der Organisation.
1938 emigrierte Frank weiter nach Paris/Frankreich und 1939 nach London/Großbritannien. 1940 reiste er für die Gruppe „Neu Beginnen“ in die USA und - nachdem die Rückkehr nach Europa kriegsbedingt nicht mehr möglich war – versuchte seine Arbeit in New York weiterzuführen. Dort änderte er seinen Namen in Paul Hagen und engangierte sich bei der New Yorker Gruppe "American Friends of German Freedom" und wurde dort Research Director.

Am 2. Oktober 1943 wurde ihm der an der Universität Wien erworbene Doktorgrad aus sogenannten politischen Gründen aberkannt.

Frank, der bereits seit 1941 zahlreiche wissenschaftliche Vorträge zu Psychologie und Psychoanalyse gehalten hatte, war ab 1944 in New York sowohl als Psychological Consultant tätig, als auch als Mitbegründer und Mitarbeiter der Emigrantenorganisation „Council for a Democratic Germany“. Er publizierte auch zu deren Hauptarbeitsgebiet, Pläne für eine zukünftige Nachkriegsordnung in Deutschland und Europa zu entwickeln. Nach seinem Ausscheiden im Oktober 1945 wurde er Leiter der "American Association for a Democratic Germany" (Nachfolgeorganisation der "American Friends of German Freedom"). Ebenso 1945 erhielt er eine Gastdozentur, die Honnold Lecture am Knox College in Galesburg, Illinois, wo er unter anderem über die "Psychoanalysis of Fascism" las.

4 Jahre nach der Aberkennung und nach dem Ende des Nationalsozialismus wurde ihm der Doktorgrad am 15. Dezember 1947 wieder zuerkannt, bzw. die Aberkennung für 'von Anfang an nichtig' erklärt.

Karl Frank zog sich nach Kriegsende zunehmend vom politischen Leben zurück und arbeitete als Psychoanalytiker in New York, seit 1951 in New Milford, Connecticut, wo er 1969 starb.


Lit.: Archiv der Universität Wien/Philosophische Fakultät: Nationale 1912-1918, Rigorosenprotokoll Ph 59.25 Nr. 4540, Rigorosenakt PH RA Nr. 4540; Promotionsprotokoll M34.4 Nr. 657; Teilnachlässe am Institut für Zeitgeschichte München, an der Hoover Institution on War, Revolution and Peace (Stanford, California) und am Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich; Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich; MÜLLER 1995; RÖDER 1980, 187-188.


Katharina Kniefacz


Dokumente

Nationale von Karl Frank, Sommersemester 1912, Foto: Katharina Kniefacz (c) Archiv der Universität WienNationale von Karl Frank, Sommersem...
Nationale von Karl Frank, Sommersemester 1918, Foto: Katharina Kniefacz (c) Archiv der Universität WienNationale von Karl Frank, Sommersem...
Karl Franks Lebenslauf aus dem Rigorosenakt der Philosophischen Fakultät Nr. 4540, 1918, Foto: Katharina Kniefacz, (c) Archiv der Universität WienKarl Franks Lebenslauf aus dem Rigo...
Karl Frank: Promotionsprotokoll, Philosophische Fakultät: Promotion am 8. Juli 1918, Nr. 0657, Foto: Katharina Kniefacz (c) Archiv der Universität WienKarl Frank: Promotionsprotokoll, Ph...



zuletzt aktualisiert am 23.05.2015

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