Präambel

An der Universität Wien wurden im Jahr 1938, mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus über 2.700 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität entlassen und in der Folge vertrieben und/oder ermordet - Lehrende, Studierende und MitarbeiterInnen der Verwaltung, des weiteren wurde über 200 Personen der akademische Grad aberkannt. 70 Jahre nach dem sogenannten "Anschluß" und der Pogromnacht (zynisch: "Reichskristallnacht") erinnert die Universität Wien 2008 an dieses Unrecht und  ...

person

Julius Bauer

  • Geb. am: 14. August 1887
  • Fakultät: Medizinische Fakultät
  • Kategorie: vertriebene Lehrende, Doktorgradaberkennung

Julius BAUER, geb. am 14. August 1887 in Nachod, Böhmen [Náchod, Tschechische Republik], gest. 8. Mai 1979, Beverly Hills, USA, hatte am 25. November 1910 an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien den Grad eines Dr. med. erworben. Nach seiner Promotion arbeitete er als Assistent an der Universitätsklinik in Innsbruck und setzte seine Facharztausbildung ab 1914 an der Wiener Poliklinik fort. Er war familiär und inhaltlich mit wichtigen kulturellen und politischen Feldern vernetzt – z.B. als Cousin des prominenten sozialdemokratischen Politikers Otto Bauer und dessen Schwester Ida Bauer, die durch Sigmund Freuds psychoanalytische Fallgeschichte "Bruchstück einer Hysterie-Analyse" als "Dora" (1906) bekannt wurde (Julius Bauer's Vater Ludwig war der Bruder von Philipp Bauer, dem Vater von  Otto und Ida).
Der Endokrinologe und Konstitutionsforscher habilitierte sich 1919 in Wien für innere Medizin und wurde 1926 zum a.o.Prof. ernannt; 1928 wurde er Leiter der 3. Medizinischen Abteilung der Poliklinik, die bald zu einem bekannten Ausbildungszentrum in Bauers Spezialgebieten wurde. In einem Artikel in der Schweizer Medizinischen Wochenschrift bekannte sich Julius Bauer 1935 als Gegner des nationalsozialistischen "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses", weshalb er aus der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin ausgeschlossen wurde.

 Er wurde im Nationalsozialismus aus rassistischen Gründen verfolgt und am 22. April 1938 seines Amtes enthoben und von der Universität Wien vertrieben.

 Julius Bauer konnte 1938 über Frankreich in die USA emigrieren, fand dort 1939/40 eine neue Anstellung an der Louisiana State University in New Orleans und war von 1941 bis 1961 "clinical professor" an der Loma Linda University in Kalifornien, wo er hauptsächlich als Lehrer tätig war - für seine wissenschaftliche Tätigkeit bedeutete die Emigration das Ende. Er konnte mit seiner Frau, der promovierten Ärztin und Romanistin Marianne Melitta Bauer-Jokl und den gemeinsamen Kindern (Franz Karl Adolf Ernst Bauer, geb. 29. Jänner 1917 in Wien, und Klaus Friedrich Bauer, geb. 30. Oktober 1919 in Wien) nach New Orleans/USA emigrieren, woraufhin ihm, und im Erstreckungswege auch seiner Ehefrau, am 30. August 1941 die Staatszugehörigkeit entzogen wird und ihm am 1. April 1943 auch der akademische Grad aberkannt wurde (ihr bereits am 14. Juli 1942), da sie im Nationalsozialismus 'als Juden als eines akademischen Grades einer deutschen Hochschule unwürdig' galten. Er vermittelte in seiner Autobiografie das typische Bild eines modernen Wissenschaftlers mit internationalen Beziehungen, der weder religiös noch weltanschaulich besonders gebunden war.
Erst 12 Jahre nach der Aberkennung und lange nach dem Ende des Nationalsozialismus wurde ihm der Doktorgrad am 15. Mai 1955 wieder zuerkannt, bzw. die Aberkennung für 'von Anfang an nichtig' erklärt.


Lit.: ARIAS, Julius Bauer in: ARIAS 2008BAUER 1964HOFER 2007MERINSKY 1980, 14-16; UB MedUni Wien/van Swieten Blog; freundlicher Hinweis von Andy Ellis, University of York, UK.

 

Katharina Kniefacz




zuletzt aktualisiert am 18.08.2015

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