Präambel

An der Universität Wien wurden im Jahr 1938, mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus über 2.700 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität entlassen und in der Folge vertrieben und/oder ermordet - Lehrende, Studierende und MitarbeiterInnen der Verwaltung, des weiteren wurde über 200 Personen der akademische Grad aberkannt. 70 Jahre nach dem sogenannten "Anschluß" und der Pogromnacht (zynisch: "Reichskristallnacht") erinnert die Universität Wien 2008 an dieses Unrecht und  ...

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Hans Przibram

  • Geb. am: 07. Juli 1874
  • Fakultät: Philosophische Fakultät
  • Kategorie: vertriebene Lehrende

Hans Leo PRZIBRAM, geb. am 7. Juli 1874 in Wien-Lainz, gest. am 20. Mai 1944 in Theresienstadt [Terezín/Tschechische Republik], war 1938 ao. Prof. für Zoologie an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien. 

Nach der Reifeprüfung am Akademischen Gymnasium in Wien 1 studierte Przibram ab 1894 Zoologie an der Universität Wien, u.a. bei Berthold Hatschek, und wurde 1899 zum Dr. phil. promoviert.
An der Universität Wien wurde er 1904 habilitiert und lehrte fortan als Privatdozent für Zoologie. 1913 würde ihm der Titel eines ao. Professors für experimentelle Zoologie verliehen.

Gemeinsam mit den Botanikern Leopold von Portheim und Wilhelm Figdor kaufte Hans Przibram 1902 das "Vivarium" im Wiener Prater und richteten dort eine private Forschungsanstalt für Experimentalbiologie, die "Biologische Versuchsanstalt" (BVA) ein, die im Folgejahr eröffnet und in eine zoologische, eine botanische und eine pflanzen-physiologische Abteilung gegliedert wurde. 1914 erfolgte die Schenkung der BVA an die Akademie der Wissenschaften in Wien mitsamt eines Stifungsvermögens, das den weiteren Betrieb sicherstellte. Przibram leitete weiterhin die zoologische Abteilung und gemeinsam mit Portheim die gesamte BVA.
Die Universität Halle ernannte Hans Przibram 1917 zum Ehrendoktor, 1929 folgte ein Ehrendoktorat der Universität Riga. 

Er wurde im Nationalsozialismus aus rassistischen Gründen verfolgt, mit 1. Mai 1938 von der Universität Wien entlassen und vertrieben. Sein Bruder, der Physiker Karl Przibram, wurde 1938 ebenfalls als Lehrender von der Universität Wien vertrieben.
Auch seine Tätigkeit als Abteilungsleiter der Biologischen Versuchsanstalt an der Akademie der Wissenschaften in Wien, die er mittlerweile seit 35 Jahren ausübte, konnte er nicht mehr fortsetzen. Ab 13. April 1938 war ihm – sowie allen anderen jüdischen MitarbeiterInnen – der Zutritt verboten. Auch seine Privatbibliothek musste er zurücklassen. Der neue Leiter der BVA, NSDAP-Mitglied Franz Köck, zeigte Przibram 1939 außerdem bei der Vermögensverkehrsstelle an, sodass in weiterer Folge sein Vermögen beschlagnahmt wurde.

Gemeinsam mit seiner Elisabeth konnte Hans Przibram im Dezember 1939 zunächst nach Amsterdam/Niederlande flüchten, von dort wurden sie jedoch am 21. April 1943 in das Ghetto Theresienstadt deportiert. In Theresienstadt starb er am 20. Mai 1944, seine Witwe nahm sich tags darauf das Leben.

Lit.: Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus an der Österreichischen Akademie der WissenschaftenGerd B. MÜLLER/Hans NEMESCHKAL, Zoologie im Hauch der Moderne. Vom Typus zum offenen System, in: Karl Anton Fröschl, Gerd B. Müller, Thomas Olechowski, Brigitta Schmidt-Lauber, Hg., Reflexive Innensichten aus der Universität. Disziplinengeschichten zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Politik (650 Jahre Universität Wien – Aufbruch ins neue Jahrhundert 4), Göttingen 2015; Wolfgang L. REITER, Zerstört und vergessen: Die Biologische Versuchsanstalt und ihre Wissenschaftler/innen, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 10/4 (1999), 585–614; Klaus TASCHWER, Vertrieben, verbrannt, verkauft, vergessen und verdrängt. Über die nachhaltige Vernichtung der Biologischen Versuchsanstalt und ihres wissenschaftlichen Personals, in: Johannes Feichtinger, Herbert Matis, Stefan Sienell, Heidemarie Uhl, Hg., Die Akademie der Wissenschaften in Wien 1938 bis 1945. Katalog zur Ausstellung, Wien 2013, 105–115; Klaus TASCHWER, Ein tragischer Held der österreichischen Wissenschaft, in: derStandard.at, 05.02.2014; Klaus TASCHWER, Hochburg des Antisemitismus. Der Niedergang der Universität Wien im 20. Jahrhundert, Wien 2015; Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW): Datenbank Shoah-Opfer; Ausstellung "Bedrohte Intelligenz – Von der Polarisierung und Einschüchterung zur Vertreibung und Vernichtung im NS-Regime", Wien 2015.

 

Katharina Kniefacz




zuletzt aktualisiert am 17.07.2015

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