Präambel

An der Universität Wien wurden im Jahr 1938, mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus über 2.700 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität entlassen und in der Folge vertrieben und/oder ermordet - Lehrende, Studierende und MitarbeiterInnen der Verwaltung, des weiteren wurde über 200 Personen der akademische Grad aberkannt. 70 Jahre nach dem sogenannten "Anschluß" und der Pogromnacht (zynisch: "Reichskristallnacht") erinnert die Universität Wien 2008 an dieses Unrecht und  ...

person

Kurt Klagsbrunn

  • Geb. am: 06. Mai 1918
  • Fakultät: Medizinische Fakultät
  • Kategorie: vertriebene Studierende

Kurt KLAGSBRUNN, geb. am 6. Mai 1918 in Wien (heimatberechtigt in Wien, Staatsbürgerschaft: Österreich) war ein Sohn von Leopold "Leo" Klagsbrunn (geb. am 2. Februar 1888 in Wadowice/Galizien, gest. 1957 in Brasilien; Chemiker, Kaufmann) und dessen Ehefrau Friederike "Fritzi" (geb. Kohn, gest. 1964 in Brasilien). Die Familie hatte ihren Wohnsitz ("Villa Klagsbrunn") in Wien 21, Pilzgasse 9.
Nach der Reifeprüfung am Realgymnasium in Wien-Floridsdorf begann Kurt Klagsbrunn im Wintersemester 1936/37 ein Studium der Medizin an der Universität Wien. Er war zuletzt im Sommersemester 1938 an der Medizinischen Fakultät im 4. Studiensemester inskribiert (Abgangszeugnis vom 22. September 1949). Sein älterer Bruder Peter Klagsbrunn (1913-1952), der auch an der Medizinischen Fakultät studierte, wurde ebenfalls von der Universität Wien vertrieben und konnte sein Studium nicht mehr beenden.

Kurz nach dem "Anschluss" im März 1938 wurde der Familienwohnsitz von der Polizei durchsucht. Die Familie entschied sich rasch zur Emigration und verkaufte die Kohlenhandlung an eine Mitarbeiterin und Freundin der Familie, ebenso das Haus in Floridsdorf. Im Oktober 1938 emigrierte Kurt Klagsbrunn gemeinsam mit seinen Eltern und seinem Bruder über Rotterdam/Niederlande und Lissabon/Portugal nach Rio de Janeiro/Brasilien, wo sie am 15. März 1939 eintrafen und sich im Stadtteil Laranjeiras niederließen. 

In der Emigration konnte der Vater erneut ein Unternehmen für den Verkauf chemischer Produkte aufbauen, während die Mutter als Schneiderin arbeitete. Beide Söhne konnten ihr Medizinstudium unter den Bedingungen der Emigration (finanzielle Lage, mangelnde Sprachkenntnisse und strenge Zugangsbedingungen der Universitäten) nicht wieder aufzunehmen. Peter Klagsbrunn arbeitete als Vertreter von Pharma- und Parfümprodukten.

Kurt Klagsbrunn begann eine erfolgreiche Karriere als selbständiger Berufsfotograf, die zeitgleich mit einem starken Aufschwung des Bildjournalismus in Brasilien verlief. 1941 konnte er sein erstes Fotostudio eröffnen. 
Durch seine Beteiligung bei antifaschistischen studentischen Organisationen knüpfte er zahlreiche Kontakte zur politischen Linken und dokumentierte fotografisch deren Engagement. Er wurde als Fotograf im Sitz der Bundesregierung akkreditiert und konnte so zahlreiche Prominente der High Society Rio de Janeiros ablichten. Daneben fotografierte Kurt Klagsbrunn für die Magazine "Times" und "Life" sowie für die brasilianische Illustrierte "O Cruzeiro" und wurde als Werbe-, Industrie- und Mode- und Lifestyle-Fotograf bekannt. 
Über vier Jahrzehnte dokumentierte er wie kaum ein anderer Fotograf seiner Zeit die Entwicklung Brasiliens, begleitete die Entstehung der neuen Hauptstadt Brasilia und das Wachstum Rio de Janeiros bis zum Ende seiner Karriere 1980.

Im hohen Alter heiratete Kurt Klagsbrunn seine jahrzehntelange Lebensgefährtin, die Buchhändlerin Rosina (Rose) Walter, mit der er in Laranjeiras zusammenlebte. Nach ihrem Tod übernahm sein Neffe Victor Klagsbrunn die Betreuung des Onkels.

Kurt Klagsbrunn starb am 7. August 2005 in Rio de Janeiro.


Lit.: Barbara WEIDLE u. Ursula SEEBER, Hg., Kurt Klagsbrunn. Fotograf im Land der Zukunft. Mit Beiträgen von Erich Hackl, Klaus Honnef, Luis Krausz, Marta und Victor Klagsbrunn, Wien-Bonn 2013; Angela HEIDE, Fotograf des Aufbruchs, in: Wina-Magazin 2013; KNIEFACZ/POSCH 2017a.

 

Katharina Kniefacz


Dokumente

Nationale von Kurt Klagsbrunn, Sommersemester 1938 (1. Formular Vorderseite), Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Kurt Klagsbrunn, Somm...
Nationale von Kurt Klagsbrunn, Sommersemester 1938 (1. Formular Rückseite), Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Kurt Klagsbrunn, Somm...
Nationale von Kurt Klagsbrunn, Sommersemester 1938 (2. Formular Vorderseite), Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Kurt Klagsbrunn, Somm...
Nationale von Kurt Klagsbrunn, Sommersemester 1938 (2. Formular Rückseite), Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Kurt Klagsbrunn, Somm...
Nationale von Kurt Klagsbrunn, Wintersemester 1937/38 (1. Formular Vorderseite), Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Kurt Klagsbrunn, Wint...
Nationale von Kurt Klagsbrunn, Wintersemester 1937/38 (1. Formular Rückseite), Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Kurt Klagsbrunn, Wint...
Nationale von Kurt Klagsbrunn, Wintersemester 1937/38 (2. Formular Vorderseite), Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Kurt Klagsbrunn, Wint...
Nationale von Kurt Klagsbrunn, Wintersemester 1937/38 (2. Formular Rückseite), Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Kurt Klagsbrunn, Wint...



zuletzt aktualisiert am 14.01.2017

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