Präambel

An der Universität Wien wurden im Jahr 1938, mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus über 2.700 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität entlassen und in der Folge vertrieben und/oder ermordet - Lehrende, Studierende und MitarbeiterInnen der Verwaltung, des weiteren wurde über 200 Personen der akademische Grad aberkannt. 70 Jahre nach dem sogenannten "Anschluß" und der Pogromnacht (zynisch: "Reichskristallnacht") erinnert die Universität Wien 2008 an dieses Unrecht und  ...

person

Walter Krause

  • Geb. am: 15. November 1910
  • Fakultät: Medizinische Fakultät
  • Kategorie: vertriebene Lehrende

Walter Krause, geb. am 15. November 1910 in Wien als Sohn von Dr. Karl Krause (gest. 1934) und dessen Ehefrau Anna, geb. Schwager, gest. am 16. August 2007 in Wien, war 1938 Assistent an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien.
Er wurde im Nationalsozialismus aus politischen Gründen verfolgt und 1938 als Assistent entlassen. Er konnte 1946 an die Universität Wien zurückkehren.

Krause nahm nach der Matura am Gymnasium in Mödling 1928 sein Medizinstudium an der Universität Wien auf, studierte u.a. bei Julius Tandler und promovierte am 22. Dezember 1933 zum Dr. med. Noch während seines Studiums, 1931, fungierte er als Demonstrator an der I. Anatomischen Lehrkanzel (Sauser), um hier 1934 zum Assistenten aufzusteigen.[1] Hier lernte er im Wintersemester 1934/35 auch seine spätere Ehefrau Rita Smrcka kennen, die als Studentin einen Sezierkurses bei ihm besuchte.[2]

Er wurde im Nationalsozialismus aus politischen Gründen und auf Grund seiner offenen antinationalsozialistischen Einstellung verfolgt – er hatte sich z. B. geweigert, den verpflichtenden Hitler-Gruß anzuwenden und war deswegen von Dozentenbundführer Alexander Pichler zur Rede gestellt worden, gegenüber dem er „erklärte, dass er den Staat des Führers, den Nationalsozialismus sowie jede autoritäre Staatsführung unbedingt ablehne“. Pichler führte seine politische Haltung auf eine „krankhafte Veränderung seines Geisteszustandes“ zurück. Krauses Vertrag wurde ab Oktober 1938 nicht verlängert.[3] Er war gezwungen, für ein halbes Jahr als unbezahlter Arzt im Krankenhaus der Stadt Wien in Lainz zu hospitieren. Eine erhoffte Anstellung erhielt er jedoch nicht:
„Ich bemühte mich dann an verschiedenen Spitälern eine Anstellung zu erhalten, doch da diese der Gemeinde Wien unterstanden, wurde ich wegen meiner weltanschaulichen Einstellung dort nicht aufgenommen. Ich arbeitete hierauf an Spitälern der Fondkrankenanstalten, die damals noch privat waren. Als diese dann aber auch zur Gemeinde Wien kamen musste ich auch da aufhören. Hierauf arbeitete ich als Büroangestellter bei einer amerikanischen Telefongesellschaft. Durch den Krieg wurde mir auch das unmöglich gemacht.“[4]
Daneben gab er Privatunterricht an Studenten der Anatomie. Seine Absicht aus Österreich zu emigrieren hatte er wieder aufgegeben, „nachdem mir meine Mutter mit Selbstmord drohte, falls ich wirklich auswandere“. Im Oktober 1939 erhielt er schließlich eine Vertretungsstelle bei Prof. Schulhof und war ab August 1940 als Hausarzt im Sanatorium Dr. Schulhof, Wien 13, Speisingerstraße 111, tätig.[5]

Seit dem Novemberpogrom 1938 intensivierte sich die Beziehung zu Rita Smrčka, die als Jüdin verfolgt wurde und sich nach dem Tod ihrer Eltern 1938/39 in einer Notlage befand. Anfang August 1939 zog sie schließlich zu seiner Schwägerin Dr. Jarmila Krause nach Wien 3, Gärtnergasse 6/3/10.[6] Rita Smrčka und Walter Krause führten ihre Beziehung weiter, bis sie im August 1940 bei der Gestapo-Leitstelle Wien wegen „Rassenschande“ denunziert wurden, da Walter Krause nach nationalsozialistischen Rassegesetzen als „Arier“ galt. Der Fall wurde binnen weniger Tage an die Kriminalpolizei-Leitstelle Wien weitergeleitet, die im September beide mehrmals zur Einvernahme bestellte. Beide gestanden ihr Verhältnis und betonten, dass sie gewusst hatten, dass dies im nationalsozialistischen Staat streng bestraft würde. Am 20. September 1940 stellte die Staatliche Kriminalpolizei-Leitstelle Wien Strafanzeige gegen Walter Krause aufgrund § 2 des „Blutschutzgesetzes“ 1935 und am 22. September wurde er im Gefangenenhaus des Landesgerichts für Strafsachen in Wien 1 inhaftiert.[7]
In der Verhandlung am 17. Dezember 1940 am Landgericht Wien betonte Walter Krause, dass er sich der drohenden Bestrafung bewusst gewesen wäre  – „Ich wusste, daß ich im nat.soz. Staat Handlungen gegen die Rassengesetze auf das Strengste bestraft werde. Ich habe es trotzdem gemacht. […] Daß ich eine Frau liebe, ist doch kein Kampf gegen die Volksgemeinschaft.“ – und dass er beabsichtigt hatte, Rita Smrčka zu heiraten und eventuell mit ihr zu emigrieren. Auch Rita Smrčka erklärte in ihrer Zeugenaussage: „Ich wusste, daß auf dem Geschlechtsverkehr einer Jüdin mit einem Arier schwere Strafen stehen. Daß ich es trotzdem getan habe, kann ich nur mit meiner Liebe zum Angekl. erklären.“
Zu seiner politischen Einstellung hielt er fest:
„Ich bin kein Judenfreund. In meinen Augen sind die Juden keine besseren Menschen als die anderen, sondern in meinen Augen sind alle Menschen gleich. Ich habe den Nationalsozialismus ebenso bekämpft wie den Zionismus.“
„Meine Weltanschauung ist jene des Platon, Christus, der Aufklärer, der Humanistenvertreter, Schiller und Goethe. Mein Ideal ist das Humanitätsideal. Ich verfechte den Standpunkt des Humanismus und des Individualismus. Ich bin mir bewusst, daß ich damit dem Staat des Führers und den Nationalsozialismus ablehne. […] Von einer krankhaften Veränderung meines Geisteszustandes kann man meiner Meinung nach bei mir nicht sprechen, […] Die Psychose, die mir da vorgeworfen wird, teile ich mit Kant, Schiller und Goethe.“
„Chamberlain lehne ich ab. Ich befinde mich mit dem Judentum nicht im Kriege. Zu der Frage, was ich von diesem Gesichtspunkte aus im Kriege als Soldat machen würde, kann ich nur sagen, ich bin Gott sei Dank Arzt und nicht Soldat. Auch im Kriege habe ich dem verwundeten Feind ebenso zu helfen, wie dem eigenen Verwundeten. Als Soldat würde ich in diesem Kriege nicht schießen.“
[8]

Walter Krause wurde am 17. Dezember 1940 zu einer Zuchthausstrafe von 18 Monaten verurteilt, wobei sich die lange Dauer des Verhältnisses mit Rita Smrčka und die Heiratsabsicht nach der nationalsozialistischen Rechtsauffassung erschwerend auf das Strafmaß ausgewirkt hatten.[9] Am 21. Dezember wurde er in von der Verwahrungshaft in Strafhaft übernommen, am 10. Jänner 1941 nach Stein an der Donau überstellt und am 22. Februar 1941 in das Gefangenenlager Rodgau in Drieburg (Hessen).[10]

Ab 1942 war Walter Krause bei der Wehrmacht in Nordafrika eingesetzt und geriet 1943 in amerikanische Kriegsgefangenschaft:[11]
„Direkt vom Zuchthaus ging es im Oktober 1942 zur Armee, zur Afr.Div. 999, die ausschliesslich aus Vorbestraften rekrutiert wurde. Nach 1 Tag an der Front benuetzte ich die erste Gelegenheit, in Gefangenschaft zu kommen.“[12]
Er wurde im amerikanischen Kriegsgefangenenlager Camp Breckinridge in Kentucky/USA inhaftiert. Von dort verfasste er einen Brief an die „Neue Österreichische Bewegung“, in der er sein Engagement gegen den Nationalsozialismus unterstrich:
„Dieser Brief kommt von Einem, der den unbedingten Willen hat, den Nationalsozialismus durch die Tat zu bekaempfen. […] Gibt es fuer uns Kriegsgefangene keinen Weg in die Oesterreichische Legion in England oder eine gleichwertige Organisation in Amerika? Koennen sie nicht bei officiellen Stellen in diesem Sinne wirken?“[13]

Rita Smrčka wurde am 1942 nach Theresienstadt deportiert, 1944 weiter nach Auschwitz und nach Hainichen, ein Außenlager des KZ Flossenbürg, wo sie im April 1945 die Befreiung durch die Rote Armee erlebte.[14] Nach ihrer Rückkehr nach Wien wohnte sie  von Oktober 1945 bis 1946 zunächst wieder bei Walter Krauses Schwägerin.[15]

Am 27. Juli 1946 heirateten Dr. Walter Krause und Rita Smrčka in Wien. Sie lebten ab August 1946 in Wien 9, Tendlergasse 15/3/33, am 22. August 1947 bekamen sie einen Sohn, Bernhard Franz.[16]

Walter Krause nahm unmittelbar nach seiner Rückkehr aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft seine universitäre Tätigkeit wieder auf und war ab Februar 1946 wieder am Anatomischen Institut tätig. Anfang Mai 1946 ersuchte er bei Gericht „um Abschrift des Berichts des Führers des Dozentenbundes Prof. Pichler, der in seinem Akt […] sein soll“.[17] Er war in der Nachkriegszeit am Wiederaufbau eines geregelten Lehrbetriebes wie auch am Wiederaufbau des zerstörten Institutsgebäudes beteiligt, nach seiner Habilitation 1949 unter der Institutsleitung des Basler Anatomen Gerhard Wolf-Heidegger als supplierender Leiter des Anatomischen Instituts. Ab 1952 übernahm er unter dem Ordinarius Heinrich Hayek (1900-1969) die Betreuung der Studienanfänger jahrgangsweise alternierend mit dem Dozenten Alfred Gisel (1911-2012).[18] Nach Hayeks Tod war er wiederum supplierender Leiter und wurde 1971 zum außerordentlichen Professor für Topographische Anatomie, 1974 zum Ordinarius ernannt.[19]

Krause befasste sich in seinen Arbeiten v. a. mit Entwicklungsgeschichte, Teratologie und funktioneller Anatomie.[20]

Er erhielt 1995 das Goldene Ehrenzeichen der Ärztekammer für Wien und 2005 das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse verliehen.[21]

Seine Frau Rita Krause starb am 8. November 2004 nach 58 Jahren Ehe, er selbst 97jährig am 16. August 2007 in Wien.

 

Quellen:

Archivalien: Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) 20100/6283, 21011/13, 23201; UA, Personalakt Walter Krause, Medizinische Fakultät; Wiener Stadt- und Landesarchiv (WStLA), Historische Meldeunterlagen, Auskunft vom 26. 3. 2014.

Lit.: Ingrid ARIAS, Entnazifizierung an der Wiener Medizinischen Fakultät: Bruch oder Kontinuität? Das Beispiel des Anatomischen Instituts, in: Österreichische Wissenschaftsgeschichte, Zeitgeschichte, 6, Jg. 31/2004, 339–369, hier 348;  Marlene NOWOTNY, "Ich wünsche Ihnen viel Glück im Ausland!", in: science.orf.at, 24.07.2015;Wer ist Wer 1951; Johann WILDE/Volkmar ELLMAUTHALER, Univ. Prof. Dr. Walter Krause, 2007 (Nachruf); KNIEFACZ/POSCH 2016; KNIEFACZ/POSCH 2017c.

 

Andreas Huber, Katharina Kniefacz und Herbert Posch

 


[1] Ingrid ARIAS, Entnazifizierung an der Wiener Medizinischen Fakultät: Bruch oder Kontinuität? Das Beispiel des Anatomischen Instituts, in: Österreichische Wissenschaftsgeschichte, Zeitgeschichte, 6, Jg. 31/2004, 339–369, hier 348.

[2] Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) 23201.

[3] DÖW 23201: Beurteilung NSD-Dozentenbund, Prof. Dr. A Pichler, 30. November 1940.

[4] DÖW 23201: Aussage Krause, 17.12.1940.

[5] DÖW 23201: Aussage Krause, 17.12.1940.

[6] DÖW 23201; WStLA, Meldeanfrage 26.3.2014.

[7] DÖW 23201.

[8] DÖW 23201: Aussage Krause in der Hauptverhandlung am 17.12.1940.

[9] DÖW 23201: Hauptverhandlung am 17.12.1940.

[10] DÖW 23201.

[12] DÖW 21011/13: Kriegsgefangenenbrief von Walter Krause (undatiert).

[13] DÖW 21011/13: Kriegsgefangenenbrief von Walter Krause (undatiert).

[14] DÖW 20100/6283.

[15] WStLA, Meldeanfrage 26.3.2014.

[16] WStLA, Meldeanfrage 26.3.2014.

[17] DÖW 23201, Aktenvermerk, 3. Mai 1946.

[18] ARIAS 2004, 348.

[20] Wer ist Wer 1951.


Dokumente

Prof. Walter Krause (1910-2007, Anatomie) mit Mitarbeitern in den 1960er Jahren, (c) Dr. Isabelle Krause, WienProf. Walter Krause (1910-2007, Ana...
Prof. Walter Krause (1910-2007) im Anatomie-Hörssal in den 1960er Jahren, (c) Dr. Isabelle Krause, WienProf. Walter Krause (1910-2007) im ...



zuletzt aktualisiert am 23.12.2017

Haben sie Fragen, Korrekturen oder Anmerkungen zu dieser Person? Nutzen Sie das folgende Formular um uns Informationen zukommen zu lassen:

Feedback übermitteln: