Präambel

An der Universität Wien wurden im Jahr 1938, mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus über 2.700 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität entlassen und in der Folge vertrieben und/oder ermordet - Lehrende, Studierende und MitarbeiterInnen der Verwaltung, des weiteren wurde über 200 Personen der akademische Grad aberkannt. 70 Jahre nach dem sogenannten "Anschluß" und der Pogromnacht (zynisch: "Reichskristallnacht") erinnert die Universität Wien 2008 an dieses Unrecht und  ...

person

Stefan Meyer

  • Geb. am: 27. April 1872
  • Fakultät: Philosophische Fakultät
  • Kategorie: vertriebene Lehrende

Stefan MEYER, geb. am 27. April 1872 in Wien als Sohn von Dr. Gotthelf Karl Meyer und dessen Frau Clara Regine Goldschmidt, gest. am 29. Dezember 1949 in Bad Ischl, war o. Prof. für Physik an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien.

Nach dem Studium der Physik und Chemie an der Universität sowie an der Technischen Hochsschule Wien promovierte Meyer 1896 an der Universität Wien zum Dr.phil. und wurde anschließend Assistent Ludwig Boltzmanns. 1899 wurde er für Physik habilitiert und lehrte von 1902 bis 1911 als Dozent Akustik am Wiener Konservatorium. 1907 begann er am Zweiten Physikalischen Institut der Universität Wien zu arbeiten, erhielt 1908 den Titel eines ao. Professors. 1911 wurde er zum wirklichen ao. Professor ernannt und 1920 zum o. Prof. für Physik. Seit 1910 leitete Meyer das Institut für Radiumforschung der Akademie der Wissenschaften. Er gilt als einer der Pioniere der Erforschung der Radioaktivität, verfasste u.a. 1916 gemeinsam mit Egon Schweidler das Standardwerk "Radioaktivität".

Er wurde im Nationalsozialismus aus rassistischen Gründen verfolgt und 1938 seines Amtes enthoben (zurückgetreten bzw. pensioniert) und von der Universität Wien vertrieben. Seine Tochter Agathe Meyer, die an der Philosophischen Fakultät Chemie studierte und im Sommersemester 1938 noch das erste Rigorosum absolvieren konnte, wurde ebenso von der Universität Wien vertrieben wie sein Sohn Friedrich Meyer von der Juridischen Fakultät. Sein Bruder Hans Leopold Meyer, seit 1911 o. Prof. für Chemie an der Deutschen Universität Prag, wurde am 20. Juni 1942 gemeinsam mit seiner Frau Dr. Alice Meyer in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo er am 28. November 1942 starb.

Stefan Meyer zog sich 1938 mit seiner Familie in sein Sommerdomizil in Bad Ischl zurück, wo er die Kriegsjahre überlebte (sein Sohn Fred Meyer konnte erfolgreich nach England flüchtetn). Stefan Meyer kehrte nach Kriegsende an das Radiuminstitut zurück und lehrte ab 1. Dezember 1946 bis zu seiner Pensionierung 1947 als Honorarprofessor an der Universität Wien. Danach kehrte er nach Bad Ischl zurück, wo er 1949 starb.


Lit.: Nachlass von Stefan Meyer im Archiv des Instituts für Radiumforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Bestandsübersicht [pdf]) CZEIKE Bd. 4 1995; DEGENER 1935; EMÖDI/TEICHL 1937; Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus an der Österreichischen Akademie der WissenschaftenKILLY Bd. 7 1998; ÖBL Bd. 6 1975; Wolfgang L. REITER, Stefan Meyer: Pioneer of Radioactivity, in: Physics in Perspectives 3 (2001) 106-127; Wolfgang L. REITER, Stefan Meyer und die Radioaktivitätsforschung in Österreich, in: Österreichische Akademie der Wissenschaften, Anzeiger der phil.-hist. Klasse, 135. Jg. (2000), 105-143; Wolfgang L. REITER, Wissenschaftsemigration am Beispiel des Instituts für Radiumforschung, in: STADLER II 2004 [1988], 709-729, hier bes. 711-715; TEICHL 1951; Katharina Maximiliane ZELGER, Stefan Meyer und die Frauen: Kooperationsverhältnisse am Wiener Institut für Radiumforschung 1910 – 1938, phil. Dipl.Arb., Universität Wien, 2008.



Katharina Kniefacz




zuletzt aktualisiert am 13.12.2015

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