Präambel

An der Universität Wien wurden im Jahr 1938, mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus über 2.700 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität entlassen und in der Folge vertrieben und/oder ermordet - Lehrende, Studierende und MitarbeiterInnen der Verwaltung, des weiteren wurde über 200 Personen der akademische Grad aberkannt. 70 Jahre nach dem sogenannten "Anschluß" und der Pogromnacht (zynisch: "Reichskristallnacht") erinnert die Universität Wien 2008 an dieses Unrecht und  ...

Doris Oppenheim (verh. Liffman)

  • Geb. am: 08. März 1919
  • Fakultät: Philosophische Fakultät
  • Kategorie: vertriebene Studierende

Doris OPPENHEIM (verh. LIFFMAN), geb. am 8. März 1919 in Wien (heimatberechtigt in Wien, Staatsbürgerschaft: Österreich), Tochter von Dr. David Ernst Oppenheim (Mittelschulprofessor, Individualpsychologe) und Dr. Amalie Oppenheim, geb. Pollak (Mathematikerin, Physikerin), wohnte in Wien 2, Krafftgasse 3.
Nach ihrer Matura 1937 am Mädchenrealgymnasium Wien 8; begann sie ein Studium an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien – zuletzt war sie im Sommersemester 1938 im 2. Studiensemester inskribiert und belegte Vorlesungen in Kunstgeschichte.

Ihre Erinnerungen an den "Anschluss" 1938:
"Darum eben war der 12. März ein solcher Schock. Da hat sich mir Wien gezeigt als jubelnde Antisemiten. Nicht überzeugte, sondern hysterisch jubelnde. Da ist alles rausgekommen. Das war der große Schock…meines Lebens. Wie mich der Bursch angehalten hat: 'Fräulein, sind sie Jüdin?' 'Ja.' 'Kommen S' mit! Waschen S' die Fenster!' Es waren andere Leute auch noch da. Ich habe versucht, die Fenster zu waschen. Ich war nicht gut drin. Nach einer halben Stunde: 'Gehen S' weg!' …Es ist mir nichts passiert. Es ist mir sehr viel passiert. Ich bin nach Hause gegangen und habe gesagt, ich bleibe nicht in Wien." (zit. nach: GAISBAUER 1996, 60)

Doris Oppenheim konnte im September 1938 nach London/England emigrieren, wo sie mit einer vorläufigen Aufenthaltserlaubnis als Hausmädchen arbeitete:
"Ich bin aus Wien weggelaufen, weggerannt. Ich konnte und wollte nicht mehr in Wien bleiben. Ich bin zuerst nach England gegangen, wo ich mich aber nicht zu Hause fühlte. Oder wo ich mich irgendwie merkwürdig fühlte. Nicht nur dadurch, daß ich in einem Haushalt leben mußte… Was mich deprimiert hat, war, daß alle meine Freunde und Bekannten – auch die ältere Generation – plötzlich als Stubenmädchen und Haushälterinnen arbeiten mußten. … Als ich in Australien angekommen bin, war ich in einer anderen Welt. Und ich wollte in einer anderen Welt sein. Das ist, was Australien mir wirklich geboten hat …" (zit. nach: GAISBAUER 1996, 62)
Ende 1938 erhielt sie die Einreisegenehmigung für Australien und emigrierte zu ihrer Schwester Cora nach Melbourne. Sie fand eine Anstellung als Schreibkraft und Dolmetscherin bei der Speditionsfirma Mullay & Byrnes, wo sie im Mai 1939 lernte den deutschen Emigranten Herbert Liffman (1908-1989) kennenlernte, der für den Transport seiner Möbel aus Deutschland die Dienste der Speditionsfirma in Anspruch nahm. Es entwickelte sich eine innige Beziehung zwischen den beiden. Als im September 1939 mit Kriegsbeginn der Schiffsverkehr mit Deutschland eingestellt wurde, verlor Doris Oppenheim ihre Stelle bei der Spedition und arbeitete dann unter dem Namen "Pauline Dorette" als Demonstratorin von Kosmetika in großen Warenhäusern, später als Verkäuferin in einer Confiserie, in der Anfertigung von Handschuhen und als Sekretärin in einer customs agency.
Nachdem Doris Oppenheim sich 1941 mit Herbert Liffman verlobt hatte, heiratete das Paar am 13. März 1942. Doris Oppenheims Eltern wurden 1942 nach Theresienstadt [Terezín/Tschechische Republik] deportiert, wo der Vater 1943 starb, ihre Mutter folgte 1946 den Töchtern nach Australien.

Doris Oppenheims Name befindet sich auch auf dem 2008 enthüllten 'Denkmal für Ausgegrenzte, Emigrierte und Ermordete des Kunsthistorischen Instituts der Universität Wien' im Campus der Universität Wien.
Die Ausstellung "Ausgegrenzt, Vertrieben, Ermordet" (22.1.-14.5.2010) am Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien erinnert an Doris Oppenheim und 20 weitere ehemalige Studierende der Universität Wien mit Schwerpunkt im Fach Kunstgeschichte.


Lit.: Adolf GAISBAUER, "…von Eurem treuen Vater David" David Ernst Oppenheim in seinen Briefen 1938-1942 (unter Mitarbeit von Doris Oppenheim-Liffman), Wien/Köln/Weimar 1996; Volker Elis PILGRIM, Doris LIFFMAN u. Herbert LIFFMAN, Hg., Fremde Freiheit. Jüdische Emigration nach Australien. Briefe 1938-1940, Reinbek b. Hamburg 1992; Peter SINGER, Mein Großvater. Die Tragödie der Juden von Wien, Hamburg/Wien 2005; Denkmal/Ausstellung "Wiener Kunstgeschichte gesichtet" 2008; Ausstellung "Ausgegrenzt, Vertrieben, Ermordet" 2010.


Katharina Kniefacz


Dokumente

Nationale von Doris Oppenheim, Wintersemester 1937/38 (1. Formular Vorderseite), Foto: H. Posch (c) Archiv der Universität WienNationale von Doris Oppenheim, Wint...
Nationale von Doris Oppenheim, Wintersemester 1937/38 (1. Formular Rückseite), Foto: H. Posch (c) Archiv der Universität WienNationale von Doris Oppenheim, Wint...
Nationale von Doris Oppenheim, Sommersemester 1938 (1. Formular Vorderseite), Foto: H. Posch (c) Archiv der Universität WienNationale von Doris Oppenheim, Somm...
Nationale von Doris Oppenheim, Sommersemester 1938 (1. Formular Rückseite), Foto: H. Posch (c) Archiv der Universität WienNationale von Doris Oppenheim, Somm...
Nationale von Doris Oppenheim, Sommersemester 1938 (2. Formular Vorderseite), Foto: H. Posch (c) Archiv der Universität WienNationale von Doris Oppenheim, Somm...
Nationale von Doris Oppenheim, Sommersemester 1938 (2. Formular Rückseite), Foto: H. Posch (c) Archiv der Universität WienNationale von Doris Oppenheim, Somm...



zuletzt aktualisiert am 12.06.2014

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