Präambel

An der Universität Wien wurden im Jahr 1938, mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus über 2.700 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität entlassen und in der Folge vertrieben und/oder ermordet - Lehrende, Studierende und MitarbeiterInnen der Verwaltung, des weiteren wurde über 200 Personen der akademische Grad aberkannt. 70 Jahre nach dem sogenannten "Anschluß" und der Pogromnacht (zynisch: "Reichskristallnacht") erinnert die Universität Wien 2008 an dieses Unrecht und  ...

person

Siegfried (später: Shmuel) Nagler

  • Geb. am: 22. März 1914
  • Fakultät: Philosophische Fakultät
  • Kategorie: vertriebene Studierende

Siegfried NAGLER, geb. am 22. März 1914 in Wien (heimatberechtigt in Wien, Staatsbürgerschaft: Österreich), Sohn von Lazar Nagler (Kaufmann) und Maria Nagler (Pfaidlerin), wohnte in Wien 10, Reumannplatz 16, war zuletzt im Wintersemester 1937/38 an der Philosophischen Fakultät im 9. und letzten Studiensemester inskribiert und belegte Vorlesungen in Psychologie, Pädagogik und Germanistik. Er war im Stadium der Abschlussprüfungen, hatte bereits seine Dissertation in Psychologie vorgelegt ("Selbstdarstellung in objektiver Kontrolle", betreut von Prof. Karl Bühler), die "jedoch wegen der nichtarischen Abstammung des Verfassers nicht mehr eingereicht werden" konnte, wie das Gutachten von 1948 festhielt.

Er wurde im Nationalsozialismus nach dem "Anschluss" aus rassistischen Gründen gezwungen, das Studium in dieser finalen Phasen abzubrechen, wurde nicht mehr zu den Abschlussprüfungen zugelassen und musste die Universität Wien ohne Doktorgrad verlassen.

Er musste aus Österreich fliehen und konnte nach Palästina [Israel] emigrieren, wo er am 15. August 1938 ankam und am 25. Februar 1941 eingebürgert wurde. An der Hebrew University Jerusalem konnte er seine Studien teilweise wieder aufnehmen und im Wintersemester 1941/42 einen Abschluss in Soziologie ("Minor Subject, Sociology of Culture") erlangen und 1943 bis 1948 am Hadassah Hospital in Jerusalem/Palästina [Israel] arbeiten.

Nach dem Ende des Nationalsozialismus fragte er im Sommer 1946 bei der Wiener Universität nach, ob er auf Grundlage seiner Dissertation von 1938 sein Studium noch abschließen könne (er wohnte damals in Jizhakstr., House Goldberg, Shaare Hesed, Palästina) und erhielt am 12. August 1946 die Antwort des Dekanats, dass

"die approbierte Dissertation ihre Giltigkeit behält und dass Ihnen das in Jerusalem abgelegte Nebenrigorosum aus Soziologie auch für Wien als Nebenrigorosum angerechnet werden kann, sodass sie hier nur das 2-stündige Hauptrigorosum zu machen hätten u. zwar bei Prof. Rohracher, Allgemeine Psychologie, Prof. Meister, Entwicklungspsychologie und Prof. Dempf, Einführung in die Philosophie. Über die erfolgreiche Absolvierung des 1. Nebenrigorosums in Jerusalem müssten Sie eine Bescheinigung der dortigen Univ.Behörde erbringen."

Er legte 1947 die geforderte Bestätigung der Hebrew University Jerusalem vor und kam 1948 nach Wien, meldete sich am 31. Mai 1948 zur Abschlussprüfung ("Rigorosum") an, und nachdem Prof. Rohracher am 17. Juni 1948 die Dissertation von 1938 positiv begutachtet hatte, und er das Rigorosum bestanden hatte konnte er - mit 10 Jahren Verzögerung - am 16. Juli 1948 an der Universität Wien zum "Dr. phil." promovieren.

Siegfried (später: Shmuel) Nagler arbeitete in Israel als Klinischer Psychologe, Psychoanalytiker, Pädagoge und Soziologe, ab 1948 an der Hebrew University und an der University of Haifa. Er war eine der einflussreichsten Figuren in der Israel Psychoanalytic Society sowie im Gesundheitswesen - Er war Vorsitzender der israelischen Forschergruppe des Nationalen Instituts für psychische Gesundheit - und ein wichtiger Akteuer im Bildungssystem.

Das Buch seiner gesammelten Werke (auf Hebräisch) spiegelt eine besondere Periode der Entwicklung des israelischen Bildungssystems zu Beginn des Landes wider, insbesondere in der Kibbuz-Bildungsbewegung. Einen besonderen Stellenwert in diesem Band haben Beiträge, die sich mit praktischen und theoretischen Aspekten der psychoanalytischen Erziehung befassen. Ein weiterer Bereich sind die Überzeugungen und Kontroversen, die von Anfang bis in die achtziger Jahre Teil der Diskussion über die Kibbuz-Erziehung waren.

Shmuel Nagler starb im März 1987 in Israel.


Lit.: Archiv der Universität Wien/Nationale PHIL 1937-1939, PHIL Promotionsprotokoll 1941-1956 Nr. 1029, Rigorosenprotokoll und -akt PHIL 16605; POSCH/INGRISCH/DRESSEL 2008, 442; Susanne Heim u. Caroline Pearce, Hg., The Persecution and Murder of the European Jews by Nazi Germany, 1933–1945. Vol. 2: German Reich 1938–August 1939, München u. Wien 2019, 587; Einbürgerungsakt Israel; Israel Psychoanalytic Society.


Herbert Posch


Dokumente

Nationale von Siegfried Nagler, Wintersemester 1937/38 (1. Formular Vorderseite), Foto: H. Posch (c) Archiv der Universität WienNationale von Siegfried Nagler, Win...
Nationale von Siegfried Nagler, Wintersemester 1937/38 (1. Formular Rückseite), Foto: H. Posch (c) Archiv der Universität WienNationale von Siegfried Nagler, Win...
Siegfried Nagler, Prüfungsbestätigung Soziologie der Hebrew University Jerualem 1947 © Archiv der Universität WienSiegfried Nagler, Prüfungsbestäti...
Siegfried Nagler, PHIL Promotionsprotokoll 1948, Nr. 1029, © Archiv der Universität Wien M 34.7Siegfried Nagler, PHIL Promotionspr...



zuletzt aktualisiert am 09.10.2019

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