Präambel

An der Universität Wien wurden im Jahr 1938, mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus über 2.700 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität entlassen und in der Folge vertrieben und/oder ermordet - Lehrende, Studierende und MitarbeiterInnen der Verwaltung, des weiteren wurde über 200 Personen der akademische Grad aberkannt. 70 Jahre nach dem sogenannten "Anschluß" und der Pogromnacht (zynisch: "Reichskristallnacht") erinnert die Universität Wien 2008 an dieses Unrecht und  ...

person

Ludwig (Marcel) Lissauer

  • Geb. am: 13. Juli 1918
  • Fakultät: Medizinische Fakultät
  • Kategorie: vertriebene Studierende

Ludwig (Marcel) LISSAUER, geb. am 13. Juli 1918 in Wien (heimatberechtigt in Wien, Staatsbürgerschaft: Österreich), Sohn von Emanuel Kaufmann (Kaufmann in Budapest, 1865-1921) und Leopoldine, geb. Wolfinger, wiederverh. Waldhauser (Trafikantengattin, 1890-?), wohnte in Wien 3, Landstraßer Hauptstraße 28/13. Nach der Reifeprüfung (Matura) am Realgymnasium in Wien 13 begann er im Wintersemester 1936/37 sein Studium an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien.

Seine Mutter war bei Verehelichung 1916 in Budapest vom röm-kathol. zum jüdischen Glauben des Ehemannes konvertiert, nach dessen Tod 1921 trat sie 1926 vor ihrer Wiedervehelichung wieder zum röm.-kath Glauben über und Marcel Lissauer liess sich als Ludwig Lissauer am 12. Juni 1928 in Budapest ebenfalls im röm-kath. Ritus taufen. Er galt damit im Nationalsozialismus als "Mischling 1. Grades" und konnte sein Studium auch nach dem "Anschluss" - bei jederzeitigem Widerruf - vorläufig fortsetzen und war im Sommersemester 1938 im 4. Studiensemester inskribiert. Seine ältere Schwester Elisabeth Lissauer, die auch an der Medizinischen Fakultät studierte, war den selben diskriminierenden Maßnahmen ausgesetzt.

Als "Mischlinge" ab dem 1. Trimester 1940 ein Gesuch an das Reichserziehungsministerium Berlin um Studienzulassung stellen mussten, reichten auch die Geschwister Lissauer Ansuchen zur Fortsetzung ihrer Studien ein in dem sie sich als weitgehend NS-loyal darstellten. Gemäß Vorschrift legte der Dekan der zuständigen Medizinischen Fakultät, Eduard Pernkopf, dem Antrag ein mit April 1940 datiertes Gutachten, das

"insbesondere auf den persönlichen Eindruck über die Persönlichkeit und das Aussehen des Gesuchstellers einzugehen [hatte]. Dabei ist zu erwähnen, ob und inwieweit Merkmale der jüdischen Rasse beim Gesuchsteller äußerlich erkennbar sind." [Erlass des Reicherziehungsministeriums, 5. Jänner 1940].

Er stellte fest:

"Bei beiden Geschwistern kommt der jüdische Typus etwas hervor."

Das Reichserziehungsministerium entschied nach Absprache mit dem Reichsinnenministerium im Juni 1940, die Geschwister "ausnahmsweise" noch zur ärztlichen Prüfung nach alter österreichischer Studienordnung zuzulassen, da sie die Vorprüfung (1. Rigorosum) bereits bestanden hatten. Dabei waren sie jedoch ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass sie als "Mischlinge 1. Grades" keine Chance hatten, die Bestallung (Berufszulassung) als Arzt im Deutschen Reich zu erhalten.

Nach bestandenem 2. und 3. Rigorosum wären Elisabeth und Ludwig Lissauer nach alter Studienordnung berechtigt gewesen zu promovieren. Im Juni 1941 übermittelte die Universität Wien die Ansuchen der Geschwister um Zulassung zur Promotion zum Dr. der gesamten Heilkunde. Auf Vorschlag des Dekans der medizinischen Fakultät entschied der Rektor der Universität Wien am 26. Juni 1941,  die Promotion der Geschwister "bedingt" zuzulassen. Er stimmte zu, dass

"Ludwig Lissauer und Elisabeth Lissauer unter Vorbehalt der nachträglichen Genehmigung durch den Herrn Reichserziehungsminister schon jetzt zur Promotion zugelassen werden. ein diesbezüglicher Bericht an das Reichserziehungsministerium ist in Vorbereitung. Die Diplome der beiden werden in der Pedellenkanzlei aufbewahrt und erst nach positiver Erledigung meines Antrages im Reichserziehungsministerium an die Studierenden ausgefolgt werden."

"Der vorliegende Fall erscheint mir umso berücksichtigungswerter, als der Führer eine Gnadenentscheidung dahin getroffen hat, daß die Mutter der genannten Kandidaten, Leopoldine Waldhauser, trotz nicht rein arischer Versippung weiterhin ohne Einschränkung der Mitgliedschaftsrechte der NSDAP angehören kann."

Das REM fällte erst am 19. September 1942 eine grundsätzliche Entscheidung: Ohne Nachweis der Bestallung als Arzt (die "Mischlingen 1. Grades" grundsätzlich nicht erteilt wurde) durfte das Doktordiplom nicht ausgehändigt werden.

"Um den Genannten jedoch die Erlangung einer geeigneten Anstellung in der Industrie zu erleichtern, ermächtige ich die Fakultät, eine Bescheinigung des Inhalts auszustellen, daß sie, abgesehen von dem Nachweis der deutschblütigen Abstammung, alle Voraussetzungen für die Verleihung des Doktorgrades erfüllt haben. Auf der Bescheinigung ist ausdrücklich zu vermerken, daß sie nicht als Doktordiplom gilt."

Erst nach dem Ende des Nationalsozialismus wurde ihm das Doktordiplom, das er formal bereits am 5. Juli 1941 erworben hatte, im Juni 1945 ausgehändigt und rückwirkend in Gültigkeit versetzt.

Ob er Arzt wurde und wo er lebte ist noch unklar.

Dr. Marcel (Ludwig) Lissauer starb 76jährig im Dezember 1994 und wurde am Wiener Zentralfriedhof bestattet.


Lit.: Archiv der Universität Wien/Nationale MED 1936-1942, Promotionsprotokoll MED M 33.13, 5638; Senatssonderreihe MED S 51/2; POSCH/INGRISCH/DRESSEL 2008, 431; REITER-ZATLOUKAL/SAUER 2021; Verstorbenensuche Friedhöfe Wien; www.genteam.at.


Katharina Kniefacz u Herbert Posch

 

 

 


Dokumente

Nationale von Ludwig Lissauer, Wintersemester 1936/37 (Vorderseite), Foto: Katharina Kniefacz (c) Archiv der Universität WienNationale von Ludwig Lissauer, Wint...
Nationale von Ludwig Lissauer, Wintersemester 1936/37 (Rückseite), Foto: Katharina Kniefacz (c) Archiv der Universität WienNationale von Ludwig Lissauer, Wint...
Nationale von Ludwig Lissauer, Wintersemester 1937/38 (1. Formular Vorderseite), Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Ludwig Lissauer, Wint...
Nationale von Ludwig Lissauer, Wintersemester 1937/38 (1. Formular Rückseite), Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Ludwig Lissauer, Wint...
Nationale von Ludwig Lissauer, Sommersemester 1938 (1. Formular Vorderseite), Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Ludwig Lissauer, Somm...
Nationale von Ludwig Lissauer, Sommersemester 1938 (1. Formular Rückseite), Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Ludwig Lissauer, Somm...
Nationale von Ludwig Lissauer, Sommersemester 1938 (2. Formular Vorderseite), Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Ludwig Lissauer, Somm...
Nationale von Ludwig Lissauer, Sommersemester 1938 (2. Formular Rückseite), Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Ludwig Lissauer, Somm...
Nationale von Ludwig Lissauer, Wintersemester 1938/39 (1. Formular Vorderseite), Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Ludwig Lissauer, Wint...
Nationale von Ludwig Lissauer, Wintersemester 1938/39 (1. Formular Rückseite), Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Ludwig Lissauer, Wint...
Gutachten Dekan Pernkopf über Ludwig LISSAUER, 1940, © Archiv der Universität WienGutachten Dekan Pernkopf über Ludw...
Promotionsprotokoll MED 1941, Elisabeth LISSAUER © Archiv der Universität WienPromotionsprotokoll MED 1941, Elisa...
Ablehnung Aushändigung MED Doktordiplom 1942, Ludwig LISSAUER © Archiv der Universität WienAblehnung Aushändigung MED Doktord...
Ludwig Marcel LISSAUER, 1940, © Archiv der Universität WienLudwig Marcel LISSAUER, 1940, © Ar...



zuletzt aktualisiert am 04.05.2021

Haben sie Fragen, Korrekturen oder Anmerkungen zu dieser Person? Nutzen Sie das folgende Formular um uns Informationen zukommen zu lassen:

Feedback übermitteln: