Präambel

An der Universität Wien wurden im Jahr 1938, mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus über 2.700 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität entlassen und in der Folge vertrieben und/oder ermordet - Lehrende, Studierende und MitarbeiterInnen der Verwaltung, des weiteren wurde über 200 Personen der akademische Grad aberkannt. 70 Jahre nach dem sogenannten "Anschluß" und der Pogromnacht (zynisch: "Reichskristallnacht") erinnert die Universität Wien 2008 an dieses Unrecht und  ...

person

Arthur Georg Weidenfeld

  • Geb. am: 13. September 1919
  • Fakultät: Juridische Fakultät
  • Kategorie: vertriebene Studierende

Arthur Georg WEIDENFELD (Lord George WEIDENFELD), geb. am 13. September 1919 in Wien (heimatberechtigt in Österreich, Staatsbürgerschaft: Österreich), Sohn von Max Weidenfeld (1889-1967), Bankier, Privatbeamter) und dessen Frau Rose (geb. Eisenstein, gest. 1985), wohnte in Wien 8, Alser Straße 47/17.
Bereits während seiner Schulzeit trat er im Alter von 15 Jahren der jüdischen Schülerverbindung Giskala bei. Nach der Reifeprüfung am Piaristengymnasium in Wien 8 inskribierte er im Wintersemester 1937/38 an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien und an der Konsularakademie Wien:
„Die sechs folgenden Monate bleiben mir auf ewig in Erinnerung; der Anfang meiner Studentenzeit fiel zusammen mit dem Ende Österreichs. Ich immatrikulierte mich im Fach Jura an der Wiener Universität und gleichzeitig an der Konsularakademie, einem diplomatischen Kolleg mit internationalem Renommee. […] Die juristische Fakultät der Universität mit ihren überfüllten Hörsälen und ihrer unpersönlichen Atmosphäre hinterließ bei mir nur einen blassen Eindruck. Hauptsächlich erinnere ich mich an die unterschwellige und ständig wachsende Spannung zwischen der Nazi-Mehrheit unter den Studenten und den anderen Gruppierungen, die ich bereits aus meiner Schulzeit kannte. Die Nazi-Professoren benutzten ihre Vorlesungen mehr und mehr für Verlautbarungen ex cathedra nationalsozialistischer Ideologie oder für antisemitische Äußerungen. Ich erinnere mich an einen bärtigen Großdeutschen, der die Studenten gegen Hans Kelsen aufhetzte, einen anerkannten Gelehrten für internationales Recht, der jüdischer Herkunft war. ‚Sie werden hin und wieder in ausländischen Artikeln und Büchern Bezüge auf einen berühmten schwedischen Juristen, Dr. Kelsen, finden. Sie sollten nie vergessen, daß Dr. Kelsen, was immer er sein mag, jedenfalls kein Schwede ist.‘ Hämisches Gelächter von seiten der Nazi-Studenten.“ (WEIDENFELD 1995, 77f)
Als Student trat er der jüdischen Studentenverbindung Unitas bei und musste sich duellieren, um zum „Burschen“ aufzusteigen, „am besten [gegen] einen dezidierten Nazi. Also gingen Cis und ich eines Samstagmorgens – zwei Wochen, bevor Hitler in Österreich einmarschierte – zur Universität, wo im großen Hof die Studenten aus den verschiedenen, häufig altehrwürdigen Verbindungen promenierten, den Spazierstock in der Hand, mit Mützen und Couleurs ihrer jeweiligen Verbindung geschmückt sowie mit weißen Handschuhen. Diese wöchentliche Promenade hieß ‚Bummel‘.“ (WEIDENFELD 1995, 79) Das Duell fand Ende Februar 1938 statt.

Arthur Weidenfeld war zuletzt im Sommersemester 1938 an der Juridischen Fakultät im 2. Studiensemester inskribiert.
Am 15. März 1938 wurde die Wohnung der Familie Weidenfeld von Polizei und SA durchsucht und der Vater wurde als prominenter Bankier verhaftet. Arthur Weidenfeld erhielt ein Transitvisum, mit dem er nach Großbritannien einreisen konnte. An der Konsularakademie konnte er noch seine Prüfungen nach dem „Anschluss“ noch abschließen, auch wenn ihm der Besuch der Vorlesungen nicht mehr erlaubt war.

Unterstützt von jüdischen Hilfsorganisationen und einflussreichen Freunden der Familie emigrierte Arthur Georg Weidenfeld im Juli 1938 über Zürich/Schweiz und Paris/Frankreich nach London/Großbritannien, wo er im August 1938 ankam. Er war zunächst freiberuflich, u.a. als Übersetzer beim honduranischen Konsulat, tätig und engagierte sich bei zionistischen Organisationen. Es gelang ihm für seine Eltern Einreisevisa zu bekommen, sodass sie Ende Juni 1939 nach London kamen. Seine beiden Großmütter wurden Opfer der Shoah.

Im Sommer 1939 begann Weidenfeld für die BBC in Eveham/Worchestershire zu arbeiten, die  im Zuge der Kriegsvorbereitungen sprachbegabte Ausländer für den Abhördienst suchte. Dort hörte er feindliche Rundfunksender (Deutsch, Italienisch und Französisch) ab, die Ergebnisse wurden der BBC intern sowie Regierungs- und Militärstellen zur Verfügung gestellt. Zunehmend wurde er bei der BBC auch als Rundfunksprecher eingesetzt, schrieb Kommentare und Hörspiele und wurde Leiter des erfolgreichen deutschsprachigen Nachrichtenüberblicks „Deutschlandspiegel“.
1942 wurde er nach London versetzt, wo er unter dem Namen „George Weiden“ zahlreiche diplomatisch-politische Kommentare und Features über das besetzte Europa produzierte. Daneben publizierte er 1943 das Buch “The Goebbels experiment” über NS-Propaganda und schrieb 1943-1946 eine wöchentliche Kolumne über Außenpolitik für die Zeitung “News chronicle“. Er knüpfte zahlreiche Kontakte zu Exilregierungen und führte Interviews mit hohen Politikern. 1943/44 lehrte er auch als Dozent am Royal Institute for International Affairs in London.
1946 erhielt George Weidenfeld die britische Staatsbürgerschaft.

Ab 1946 war er als Verleger tätig, gab das Magazin „Contact“ heraus, ein Journal für zeitgenössische Politik und Kunst, das 1950 eingestellt wurde. 1948 gründete er gemeinsam mit Nigel Nicholson den Verlag George Weidenfeld & Nicholson Publishers, Ltd. London, den er fortan als Vorsitzender leitete.
Aufgrund seines zionistischen Engagements lernte Weidenfeld 1947 Chaim Weizmann kennen, der 1948 zum ersten Präsidenten des neugegründeten Staates Israel gewählt wurde. Als Weidenfeld im Mai 1949 nach Israel reiste, um eine Artikelserie zu schreiben, bot ihm Weizmann den Posten eines Verbindungsoffiziers an. Wenige Monate später war er als „Chef de Cabinet“ und gleichzeitig politischer Berater im israelischen Außenministerium in Tel Aviv unter Weizmann tätig.

Im September 1950 kehrte er nach London zurück, arbeitete weiter als bedeutender Buchverleger mit Schwerpunkt auf wichtigen Werken zur europäischen Geschichte sowie Biographien und gab daneben die Zeitschrift “Progress” sowie diverse Firmenmagazine heraus.
In den 1950-er und 1960-er Jahren war Weidenfeld auch an der Gründung und Weiterentwicklung mehrerer Universitäten beteiligt. Als bedeutender Förderer wurde er u.a. in den Vorstand des Weizmann Institute of Science in Rehovot gewählt und erhielt 1984 das Ehrendoktorat der Ben Gurion University of the Negev in Beer Sheva.

George Weidenfeld war viermal verheiratet: von 1952 bis 1954 mit Jane Sieff, mit der er eine Tochter, Laura Miriam Elizabeth (verh. Barnett, geb. 22.6.1952), bekam, von 1956 bis 1961 mit Barbara Skelton (geschiedene Connolly), 1966 bis 1976 mit Sandra Whitney Payson Meyer sowie zuletzt ab 1992 mit Annabelle Whitestone.

Zwischen 1963 und 1976 war George Weidenfeld als Berater für den britischen Premierminister Harold Wilson (Labour Party) tätig. 1969 wurde er von der Queen zum "Sir" geadelt, 1976 folgte die Ernennung zum "Lord of Chelsea" und Mitglied des britischen Oberhauses. 1981 gehörte er eine Zeit lang der abgespaltenen Sozialdemokratischen Partei an, nach deren Auflösung war er Parteiloser im Oberhaus.

Für seine Bemühungen um die europäische Integration wurde Weidenfeld mehrfach ausgezeichnet. So erhielt er – seit 1994 zusätzlich wieder österreichischer Staatsbürger – 2002 das Österreichische Ehrenkreuz für Kunst und Wissenschaft 1. Klasse und 2003 das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien.


Lit.: George WEIDENFELD, Von Menschen und Zeiten. Die Autobiographie, Wien/München 1995 [George WEIDENFELD, Remembering My Good Friends, London 1995]; Encyclopaedia Judaica, Vol. 16, Jerusalem 1971; GOLD 1971; GOLD 1966; KNIEFACZ/POSCH 2017aRÖDER 1980, 802; Judith Turk ROSENBLATT (Ed.), Who's who in world Jewry. A biographical dictionary of outstanding Jews, Baltimore 1987; W.D. RUBINSTEIN, The Harvester biographical dictionary of life peers, New York/London 1991; Harry SCHNEIDERMANN, Itzhak J. CARMIN (ed.), Who's Who in World Jewry. A Biographical Dictionary of Outstanding Jews, New York 1955; TETZLAFF 1982; Who's who in Israel and Jewish personalities all over the world 1992-93. 22. biennial English ed., Tel Aviv 1992-1993; KNIEFACZ/POSCH 2017a.


Katharina Kniefacz


Dokumente

Nationale von Arthur Georg Weidenfeld, Wintersemester 1937/38 (1. Formular Vorderseite),  Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Arthur Georg Weidenfe...
Nationale von Arthur Georg Weidenfeld, Wintersemester 1937/38 (1. Formular Rückseite),  Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Arthur Georg Weidenfe...
Nationale von Arthur Georg Weidenfeld, Sommersemester 1938 (1. Formular Vorderseite),  Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Arthur Georg Weidenfe...
Nationale von Arthur Georg Weidenfeld, Sommersemester 1938 (1. Formular Rückseite),  Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Arthur Georg Weidenfe...
George Weidenfeld mit Präsident Chaim Weizmann, 1950 in Tel Aviv (c) George WEIDENFELD, Von Menschen und Zeiten, Wien/München 1995.George Weidenfeld mit Präsident Ch...
George Weidenfeld bei seiner Ernennung zum 'Sir' vor dem Buckingham Palace in London, 1969 (c) George WEIDENFELD, Von Menschen und Zeiten, Wien/München 1995.George Weidenfeld bei seiner Ernenn...



zuletzt aktualisiert am 11.01.2017

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