Präambel

An der Universität Wien wurden im Jahr 1938, mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus über 2.700 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität entlassen und in der Folge vertrieben und/oder ermordet - Lehrende, Studierende und MitarbeiterInnen der Verwaltung, des weiteren wurde über 200 Personen der akademische Grad aberkannt. 70 Jahre nach dem sogenannten "Anschluß" und der Pogromnacht (zynisch: "Reichskristallnacht") erinnert die Universität Wien 2008 an dieses Unrecht und  ...

person

Friedrich Albert (Fritz) Jerusalem (Jensen)

  • Geb. am: 26. Dezember 1903
  • Fakultät: Medizinische Fakultät
  • Kategorie: Doktorgradaberkennung

Friedrich Albert (Fritz) JERUSALEM (später JENSEN), geb. am 26. Dezember 1903 in Prag/Böhmen [Praha/Tschechische Republik] als Sohn von Alfred Jerusalem (1874-1945, Buchhalter) und der Schriftstellerin Elsa, geb. Kotanyi (1876-1942), zog bereits als Kind mit seinen Eltern und seiner älteren Schwester Edith (später verh. Stein) nach Wien und wohnte ab 1913 in Wien 7, Lerchenfelderstraße 117.

Die Ehe der Eltern wurde geschieden, Elsa Jerusalem verließ die Familie und emigrierte 1911 nach Argentinien. 1913 heiratete der Vater Alfred Jerusalem in zweiter Ehe Elisabeth, geb. Wolf. Bereits während seiner Schulzeit war Fritz Jerusalem im sozialdemokratischen Verein Jugendlicher Arbeiter aktiv. Nach der Reifeprüfung am Staatsgymnasium in der Maroltingergasse, Wien 16 im September 1923, nahm er im Wintersemester 1923/24 ein Studium der Medizin an der der Universität Wien auf und studierte ohne Unterbrechung bis Wintersemester 1928/29 (11. Studiensemester). Am 8. November 1929 promovierte er und erwarb an der Medizinischen Fakultät den Grad eines Dr. med..

Am Tag der Promotion trat Jerusalem der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) bei und wurde gefragter Referent. Etwa zu dieser Zeit gründete er gemeinsam mit einigen Jugendfreunden die Agitpropgruppe "Stoßbrigade", in der sich u.a. auch Eduard März engagierte. Als Schriftsteller machte er nicht nur für die "Stoßbrigade", sondern auch als Mitglied des "Bund der proletarisch-revolutionären Schriftsteller" auf schlechte soziale Verhältnisse der Arbeiterschicht aufmerksam.
Im Februar 1930 heiratete er eine Jugendfreundin, Rosa Margaretha (Grete) Leist (1904-1930), die wenige Monate später an Tuberkulose starb. Nach ihrem Tod nahm er eine Stelle als Sekundararzt in Kassel/Deutschland an, wo er auch politisch tätig war und bei der Störung einer NS-Versammlung erstmals den Namen "Jensen" benutzte.
Anfang Februar 1931 kehrte Jerusalem nach Österreich zurück und  arbeitete als Sekundararzt im Krankenhaus Lainz in Wien 13. Im November 1933 heiratete er Ruth Domino (später verh. Tassoni, 1908-1994).
Nach dem Verbot der KPÖ 1933 war er weiterhin in den Bereichen Agitation, Propaganda und Spielgruppen für die illegale Partei aktiv. Während der Februarkämpfe gegen das austrofaschistische Regime 1934 konnte er einen Sanitätsdienst einrichten, um schwer verwundete Schutzbündler heimlich medizinisch zu versorgen und verhalf danach gefährdeten Genossen zur Flucht in die Tschechoslowakei. Daneben war er weiterhin als Referent aktiv. Nach Verhaftung im Juli 1934 und späterer Internierung im Anhaltelager Wöllersdorf wurde er im April 1935 aus der Haft entlassen und eröffnete eine eigene Praxis in Wien 8, Josefstädterstraße 65.

Im August 1936 ging er zu den Internationalen Brigaden nach Spanien, um dort im Bürgerkrieg gegen die Truppen unter General Francisco Franco zu kämpfen. Als Chefarzt der XII. Brigade kämpfte er an verschiedenen Einsatzorten, wurde im Sommer1937 in der Schlacht um Bruete am Bein verwundet, leitete ab Herbst 1937 in Benicasim das Spitalszentrum der Internationalen Brigaden und kämpfte 1938 bis zum Rückzug der Brigaden in der Ebrooffensive. Seine Frau Ruth, die als Krankenschwester bei den Internationalen Brigaden gearbeitet hatte, und er trennten sich 1937.

Ab Ende 1938 hielt er sich in Paris/Frankreich auf und reiste im Jänner 1939 nach London/Großbritannien. Im Mai 1939 reiste er im Auftrag des "China Medical Aid Committee" von Liverpool nach China, wo er gemeinsam mit anderen früheren Ärzten der Internationalen Brigaden in das Chinesische Rote Kreuz eingegliedert wurde. In den von der Kommunistischen Partei Chinas befreiten Gebieten engagierte er sich im Widerstandskrieg gegen Japan und später im Bürgerkrieg und baute eine medizinische Grundversorgung auf.
1940 wurde ihm der an der Universität Wien erworbene Doktorgrad aus rassistischen Gründen aberkannt, da er im Nationalsozialismus 'als Jude als eines akademischen Grades einer deutschen Hochschule unwürdig' galt. Sein jüngerer Bruder Bernhard "Bobby" Jerusalem, der 1938 noch an der Medizinischen Fakultät studierte, wurde von der Universität Wien vertrieben.

Gemeinsam mit Wang Wu-An (geb. 1921), einer chinesischen Partisanin, die während des chinesischen Bürgerkriegs als Lehrerin in den befreiten Gebieten arbeitete und ihn im April 1945 geheiratet hatte, kehrte Fritz Jensen 1948 über die Schweiz nach Österreich zurück. Er wurde Anfang 1949 vorübergehend Leiter des Kulturreferats der KPÖ, danach Redakteur der KPÖ-Zeitung "Volksstimme" und publizierte 1949 das Buch "China siegt" über den chinesischen Bürgerkrieg. Gemeinsam mit seiner Frau unternahm er auch Vortragsreisen in die DDR.

Als Fernost-Korrespondent der "Volksstimme" übersiedelte er 1953 gemeinsam mit Wang Wu-An und dem im selben Jahr geborenen Adoptivsohn Mischa wieder nach China und unternahm von dort Reisen nach Korea und Vietnam, wo er 1954 Ho Chi Minh und österreichische Kriegsgefangene interviewte.
Fritz Jensen starb am 11. April 1955 bei Singapur auf dem Flug zur ersten Afro-Asiatischen Konferenz, von der er berichten sollte, an den Folgen eines Bombenanschlags. Er wurde am Heldenfriedhof Babaoshan in Peking/China bestattet.

Erst 68 Jahre nach der Aberkennung und sehr lange nach dem Ende des Nationalsozialismus wurde ihm der Doktorgrad 2008 (posthum) wieder zuerkannt, bzw. die Aberkennung für 'von Anfang an nichtig' erklärt.


Lit.: Archiv der Universität Wien/Medizinische Fakultät: Nationale 1923-1929, Promotionsprotokoll XIII Nr. 135; Eva BARILICH, Fritz Jensen. Arzt an vielen Fronten, Wien 1991; Das rote Wien; Exil-Archiv; KILLY , DBE Bd. 5 1997; RÖDER 1980.


Katharina Kniefacz


Dokumente

Nationale von Fritz Jerusalem [ Jensen], Wintersemester 1923/24 (Vorderseite), Foto: Katharina Kniefacz (c) Archiv der Universität WienNationale von Fritz Jerusalem [ Jen...
Nationale von Fritz Jerusalem [ Jensen], Wintersemester 1923/24 (Rückseite), Foto: Katharina Kniefacz (c) Archiv der Universität WienNationale von Fritz Jerusalem [ Jen...
Nationale von Fritz Jerusalem [ Jensen], Wintersemester 1928/29 (1. Formular, Vorderseite), Foto: Katharina Kniefacz (c) Archiv der Universität WienNationale von Fritz Jerusalem [ Jen...
Nationale von Fritz Jerusalem [ Jensen], Wintersemester 1928/29 (1. Formular, Rückseite), Foto: Katharina Kniefacz (c) Archiv der Universität WienNationale von Fritz Jerusalem [ Jen...
Nationale von Fritz Jerusalem [ Jensen], Wintersemester 1928/29 (2. Formular, Vorderseite), Foto: Katharina Kniefacz (c) Archiv der Universität WienNationale von Fritz Jerusalem [ Jen...
Nationale von Fritz Jerusalem [ Jensen], Wintersemester 1928/29 (2. Formular, Rückseite), Foto: Katharina Kniefacz (c) Archiv der Universität WienNationale von Fritz Jerusalem [ Jen...
Promotionsprotokoll, Medizinische Fakultät: Fritz Jerusalem, Promotion am 8. November 1929, Nr. 135, Foto: Katharina Kniefacz (c) Archiv der Universität WienPromotionsprotokoll, Medizinische F...
Bernhard, Edith und Fritz Jerusalem in Wien, März 1933 (c) Wang Wu-An [Eva BARILICH, Fritz Jensen. Arzt an vielen Fronten, Wien 1991]Bernhard, Edith und Fritz Jerusalem...
Fritz Jensen und seine Frau Wang Wu, um 1950 (c) Eva BARILICH, Fritz Jensen. Arzt an vielen Fronten, Wien 1991Fritz Jensen und seine Frau Wang Wu...



zuletzt aktualisiert am 25.08.2014

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