Präambel

An der Universität Wien wurden im Jahr 1938, mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus über 2.700 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität entlassen und in der Folge vertrieben und/oder ermordet - Lehrende, Studierende und MitarbeiterInnen der Verwaltung, des weiteren wurde über 200 Personen der akademische Grad aberkannt. 70 Jahre nach dem sogenannten "Anschluß" und der Pogromnacht (zynisch: "Reichskristallnacht") erinnert die Universität Wien 2008 an dieses Unrecht und  ...

person

Benedikt Freistadt (Pseudonym: Bruno Frei)

  • Geb. am: 11. Juni 1897
  • Fakultät: Philosophische Fakultät
  • Kategorie: Doktorgradaberkennung

Benedikt Freistadt (Pseudonym: Bruno Frei), geb. am 11. Juni 1897 als Sohn des Kaufmanns Michael Freistadt und Berta Freistadt (geb. Hauser) in Preßburg, Ungarn [Bratislava, Slowakei], gest. am 21. Mai 1988 in Klosterneuburg/Niederösterreich, Journalist, Publizist, Schriftsteller.

Er übersiedelte im Alter von 12 Jahren mit seiner Familie nach Wien. Im Wintersemester 1915/16 begann er ein Studium der Philosophie an der Universität Wien. Bereits ab 1917 war er als Redakteur bei der linken Wiener Zeitung "Abend", für die er sozialkritische, politisch brisante Reportagen schrieb, etwa über den österreichischen Flottenaufstand von 1918 oder das Nachkriegselend in Wien. Am 30. Juni 1920 promovierte er an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien und erwarb den Grad eines Dr. phil. in Philosophie (Dissertation: "Die Ethik des Pirque Aboth als Paradigma einer Ethik des Judentums").

Nach seiner Promotion zog Freistadt, der in den 1920er Jahren der Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) beitrat, 1924 als Korrespondent des "Abend" nach Berlin. Ab 1929 arbeitete er auch bei der Zeitung "Die Weltbühne" mit. 1931 wurde er Chefredakteur des "Berlin am Morgen", bis er 1933 nach der Machtergreifung der NSDAP in Deutschland nach Prag in die Tschechoslowakei flüchtete. Er war 1933 Mitbegründer und bis 1936 Chefredakteur der antifaschistischen Zeitung "Der Gegen-Angriff" u. a. mit Heinrich Mann "Nouvelles d'Allemagne", trat 1934 der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) bei und emigrierte 1936 nach Paris, wo er Chefredakteur des Volksfront-Organs "Deutsche Informationen" wurde und veröffentlichte zahlreiche Beiträge in der Exilpresse. Er war Sekretär des SDS bis er am 1. September 1939 verhaftet und für 17 Monate im Lager Le Vernet interniert wurde.

Er wurde mit Wirksamkeit vom 23. August 1940 aus dem Deutschen Reich ausgebürgert, gemeinsam mit seiner Frau Maria Freistadt, geb. Müllauer (geb. 8. September 1890 in Wien) und ihren Kindern Hans (geb. 8. September 1925 in Wien) und Elisabeth (geb. 15. Dezember 1927 in Wien) woraufhin ihm 1940 aus rassistischen Gründen von der Universität Wien auch der akademische Grad aberkannt wurde, da er im Nationalsozialismus "als Jude als eines akademischen Grades einer deutschen Hochschule unwürdig" galt.

Benedikt Freistadt konnte aus Frankreich flüchten, er emigrierte über Trinidad und die USA - 1940 in Ellis Island interniert, erhielt er durch Unterstützung der American League of Writers im August 1940 Visum für Mexiko – 1941 nach Mexiko. In Mexiko-Stadt war er Mitbegründer und Chefredakteur der Zeitschrift "Freies Deutschland" "Alemania Libre" und Mitglied und führende Figur bei der "Acción Republicana Austriaca en México" (ARAM), gestaltet die Radioreihe "La Voz de Austria" und hielt Vorträge an der Universidad Obrera. 1943 trat er nach der Moskauer Deklaration zur österreichischen KP-Gruppe über und war Mitbegründer der Monatsschrift "Austria Libre" und ab 1946 im Vorstand der "Asociación Austro-Mexicana".

Nach seiner Rückkehr nach Österreich im Jahr 1947 übernahm er die Chefredaktion des "Abend", arbeitete anschließend – 1956 bis 1959 – als Auslandskorrespondent der „Volksstimme“ in Peking und gab zwischen 1959 und 1965 zusammen mit Ernst Fischer das "Österreichische Tagebuch" heraus. Danach wirkte Frei als freier Schriftsteller und engagierte sich in der KPÖ. Er verfasste zahlreiche Reportagen, Essays sowie Erzählungen.

Benedikt Freistadt (Bruno Frei) erhielt 1966 den Heine-Preis der DDR, gehörte dem österreichischen PEN-Club an und war Vorstand der Verbindung demokratischer Schriftsteller und Journalisten Österreichs.

Erst 68 Jahre nach der Aberkennung und sehr lange nach dem Ende des Nationalsozialismus wurde ihm der Doktorgrad 2008 wieder zuerkannt, bzw. die Aberkennung für 'von Anfang an nichtig' erklärt.

Werke: Wiener Wohnungselend (1918), Jüdisches Elend in Wien (1920), Gespräch über das Glück (1920), Das Elend Wiens, Reportage (1921), Die roten Matrosen von Cattaro (1926), Im Lande der fluchenden Rabbis und der hungernden Bauern (1927), Im Lande der roten Macht (1929), Wie Hitler zur Macht kam (1933), Hitler über Deutschland (1933), Hanussen, Biografie (1934), Rakosi zum dritten Mal vom Galgen bedroht! (1935), Was geht in Deutschland vor? (1936), Die Männer von Vernet (1950), Die Aufrüstung Österreichs (1952), Mit eigenen Augen (1955), Die Stafette (1958), Frühling in Vietnam (1959), Der große Sprung. China heute (1959), Israel zwischen den Fronten (1965), Carl von Ossietzky, Biografie (1966), Die deutsche antifaschistische, literarische Emigration in Prag 1933-36 (1967), Der Weg Ernst Fischers (1968), Das Signal, Memoiren (1970), Der Türmer: Josef Popper-Lynkeus (1971), Der Papiersäbel (Autobiografie, 1972), Zur Kritik der Sozialutopie (1973), Im Schatten von Karl Marx: Moses Hess (1977), Sozialismus und Antisemitismus (1978), Der kleine Widerstand (1978).

Lit.: Bruno FREI, Der Papiersäbel, Frankfurt am Main 1972; Gottfried FRITZL, Bruno Frei im mexikanischen Exil. Fluchtweg und Exiltätigkeit eines Österreichers, Diplomarbeit, Universität Wien 1996; Eva HOLPFER, Ferdinand HACKL, Die Sammlung Bruno Frei (1897–1988), Wien 1996; Daniela ROTSCHÄDL, Kommunistischer Boulevardjournalismus während der Besatzungszeit am Beispiel des Wiener "Abend" unter Leitung von Bruno Frei. Diplomarbeit, Universität Wien 1994; SILVERMAN 2012, 123.


Katharina Kniefacz und Herbert Posch


Dokumente

Nationale von Benedikt Freistadt (Bruno Frei), Sommersemester 1918 (1. Formular), Foto: Katharina Kniefacz (c) Archiv der Universität WienNationale von Benedikt Freistadt (B...
Nationale von Benedikt Freistadt (Bruno Frei), Sommersemester 1918 (2. Formular), Foto: Katharina Kniefacz (c) Archiv der Universität WienNationale von Benedikt Freistadt (B...
Benedikt Freistadt (Bruno Frei): Promotionsprotokoll, Philosophische Fakultät: Promotion am 30. Juni 1918, Nr. 0974, Foto: Katharina Kniefacz (c) Archiv der Universität WienBenedikt Freistadt (Bruno Frei): Pr...
Benedikt FreistadtBenedikt Freistadt...



zuletzt aktualisiert am 19.12.2018

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