Präambel

An der Universität Wien wurden im Jahr 1938, mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus über 2.700 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität entlassen und in der Folge vertrieben und/oder ermordet - Lehrende, Studierende und MitarbeiterInnen der Verwaltung, des weiteren wurde über 200 Personen der akademische Grad aberkannt. 70 Jahre nach dem sogenannten "Anschluß" und der Pogromnacht (zynisch: "Reichskristallnacht") erinnert die Universität Wien 2008 an dieses Unrecht und  ...

Paul Schilder

  • Geb. am: 15. Februar 1886
  • Fakultät: Medizinische Fakultät
  • Kategorie: vertriebene Lehrende

Paul SCHILDER, geb. am 15. Februar 1886 in Wien, gest. am 8. Dezember 1940 in New York, war Dozent für Neurologie und Psychiatrie an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien.
Er wurde im Nationalsozialismus aus rassistischen Gründen verfolgt, am 22. April 1938 wurde ihn die venia legendi entzogen und er von der Universität Wien vertrieben. Er konnte nach New York/USA emigrieren.

Paul Schilder studierte Medizin an der Universität Wien und promovierte hier 1909 zum Dr. med. und 1917 zum Dr. phil. Er arbeitete ab 1918 als Assistent von Julius Wagner-Jauregg an der Psychiatrisch-Neurologischen Universitätsklinik, wurde 1920 als Privatdozent für Neurologie und Psychiatrie an der Universität Wien habilitiert und 1925 zum ao. Professor ernannt.
Als Psychoanalytiker führte Paul Schilder nach Sigmund Freuds Emeritierung dessen berühmte Samstagabendvorlesung an der Nervenklinik im Allgemeinen Krankenhaus weiter.
Seinem Cousin Dr. Ludwig Popper (1904-1984) riet Paul Schilder davon ab, sich auf Psychiatrie zu spezialisieren, indem er meinte, das Fach sei zwar wirklich interessant, aber abgesehen von der durch seinen Chef eingeführten Malaria-Behandlung der Paralyse sei therapeutisch nichts zu machen und er empfehle ihm die Interne.

Paul Schilder hielt sich seit 1932 in den USA auf, wo er am New Yorker Bellevue-Hospital arbeitete. 1938 wurde ihm aus rassistischen Gründen die venia legendi an der Universität Wien entzogen.
Sein Cousin Dr. Ludwig Popper (1904-1984), der bis 1936 als Assistent am Institut für medizinische Chemie der Universität Wien gearbeitet und bereits sein Habilitationsansuchen eingereicht hatte, hatte nach dem "Anschluss" keine Möglichkeit mehr dazu. Bis 1938 arbeitete er ehrenamtlich (unbezahlt) als Leiter der Schwesternstation des Wiener Allgemeinen Krankenhauses sowie als Hospitant an der Ambulanz der Frauenklinik weiter. Das Medizinische Dekanat der Universität Wien teilte ihm im Juni 1938 mit, dass das Habilitationsverfahren "infolge ihrer nichtarischen Abstammung gegenstandslos" geworden sei, und er seine Unterlagen wieder abholen könne. Er konnte 1938 in die Schweiz und 1939 weiter Bolivien emigrieren, kehrte 1947 nach Wien zurück und wurde 1948 als Privatdozent für innere Medizin habilitiert.

Paul Schilder wurde auf der Höhe seiner Laufbahn 1940 in New York von einem Auto angefahren und tödlich verletzt.


Lit.: MERINSKY 1980, 239-240; UB MedUni Wien/van Swieten Blog; freundlicher Hinweis seines Großcousins Dr. Lutz E. Popper, Oberwart, 2014; Lutz Elija POPPER, Hg., Ludwig Popper (1904-1984): Bolivien für Gringos. Exil-Tagebuch eines Wiener Arztes, Oberwart 2005; Lutz Elija POPPER, Briefe aus einer versinkenden Welt 1938/1939, Oberwart 2008, bes. 14-19 [zu Ludwig Popper].


Katharina Kniefacz


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zuletzt aktualisiert am 30.10.2014

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