Präambel

An der Universität Wien wurden im Jahr 1938, mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus über 2.700 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität entlassen und in der Folge vertrieben und/oder ermordet - Lehrende, Studierende und MitarbeiterInnen der Verwaltung, des weiteren wurde über 200 Personen der akademische Grad aberkannt. 70 Jahre nach dem sogenannten "Anschluß" und der Pogromnacht (zynisch: "Reichskristallnacht") erinnert die Universität Wien 2008 an dieses Unrecht und  ...

person

Lise Lindenberg (verh. Mona Lisa Steiner)

  • Geb. am: 30. Oktober 1915
  • Fakultät: Philosophische Fakultät
  • Kategorie: vertriebene Studierende

Lise LINDENBERG (verh. Mona Lisa STEINER), geb. am 30. Oktober 1915 in Wien (heimatberechtigt in Wien, Staatsbürgerschaft: Österreich), Tochter von Ignaz Lindenberg (Bankbeamter) und Therese Lindenberg (Konzertsängerin), wohnte in Wien 13, Sandrockgasse 13. Sie maturierte 1934 am Akademischen Gymnasium in Wien 1 und nahm im Wintersemester 1934/35 ihre Botanikstudien an der Universität Wien auf. Ab 1937 forschte sie im Rahmen ihres Dissertationsvorhabens an der Biologischen Versuchsanstalt der Akademie der Wissenschaften („Vivarium“). Sie war zuletzt im Sommersemester 1938 an der Philosophischen Fakultät im 8. Studiensemester inskribiert und belegte Vorlesungen in Botanik, Zoologie und Physik. Im Sommersemester 1938 wurde sie noch im Rahmen des Numerus clausus für jüdische Studierende zum Weiterstudium bis zum Semesterende zugelassen. Sie meldete sich mit ihrer abgeschlossenen Dissertation "Untersuchungen über die Wirkung karzinogener Substanzen auf höhere Pflanzen" (Dissertationsbetreuer: Höfler, Geitler) am 27. Juni 1938 zu den Rigorosen an um anschließend zu promovieren, doch ihr "Doktorvater" wurde "beurlaubt" und sie wurde, trotz abgeschlossener Dissertation, als Jüdin nicht mehr zu den Prüfungen zugelassen und musste ohne Studienabschluss versuchen das Land verlassen zu können.

Mona Lisa Lindenberg emigrierte im Oktober 1938 über Italien und Shanghai auf die Philippinen, wo sie an der University of the Philippines in Manila inskribierte und bekam eine Stelle als Graduate Assistant an der Botanischen Abteilung der Universität. 1940 graduierte sie dort mit dem B.A. (Bachelor of Liberal Arts). Im selben Jahr heiratete sie den ebenfalls aus Wien emigrierten Rechtsanwalt Hans Steiner (1908–1980), mit dem sie im Laufe ihrer Ehe drei Töchter (1942 Helen, 1944 Ruth, 1948 Elisabeth) haben sollte.

Nachdem der Kontakt mit ihrem ›Doktorvater‹ weiter bestanden hatte, erfuhr sie, dass er ihre Dissertation unter ihrer beiden Namen in den ›Botanischen Blättern‹ publiziert hatte. Damit verfügte sie trotz der heute mehr als erstaunlichen Ko-AutorInnenschaft über eine wichtige wissenschaftliche Referenz für ihren M.A. (Masters Degree) und ihre weitere wissenschaftliche Laufbahn. Gleichzeitig war sie als Sängerin sehr erfolgreich: Sie hatte Engagements an der Metropolitan Opera in Manila.

m Dezember 1941, unmittelbar nach dem japanischen Bombardement von Pearl Habour, wurde Manila von Japan angegriffen und besetzt. Mit der Schließung der Universität verlor Mona Lisa Steiner ihre Arbeitsstelle. Ihre Sammlung über die philippinische Pflanzenwelt, die Aquarelle, die sie mangels fotografischer Möglichkeiten angefertigt hatte, und ihre Manuskripte verbrannten vor Kriegsende bei den Kampfhandlung 1945, aber die Familie überlebte knapp.

Mit der Idee eines internationalen wissenschaftlichen Pflanzenversandes machte sie sich mit einer Pflanzenzucht (Monas Botanical Garden“) erfolgreich selbstständig und war als renommierte Expertin und Autorin für viele Arten von Publikationen (u. a. auch als Kolumnistin in Tageszeitungen) sehr gefragt. In dieser Zeit entstand neben vielem anderen ein Standardwerk über philippinische Orchideen (Philippine Orchids, 1952) und „Philippine Ornamental Plants and their Care“ (1952) und sie begründete die bis heute bestehende „Philippine Orchid Society“ mit sowie die „Philippine Society of Plant Taxonomy“. Auch an der Neugestaltung des Botanischen Gartens von Manila arbeitete sie maßgeblich mit.

Sie kehrte 1965 nach Wien zurück, nachdem sie schon am 25. Juni 1954 an der Universität Wien das 1938 unabgeschlossene Botanik-Studium mit der Dissertation von 1938 "Untersuchungen über die Wirkung karzinogener Substanzen auf höhere Pflanzen" (Dissertationsbetreuer: Höfler, Geitler) mit der Dissertation abgeschlossen hatte. Die Rückkehr nach Österreich erfolgte aufgrund eines guten beruflichen Angebots für Mona Lisa Steiners Ehemann, Ihr eigenes sehr spezifisches berufliches Umfeld und Netzwerk musste sie zurücklassen und fand in Wien und Österreich keine Möglichkeit mehr, sich ihren Fähigkeiten entsprechend wissenschaftlich oder unternehmerisch zu etablieren. So widmete sie sich der Weiterentwicklung der japanischen Blumensteckkunst Ikebana und begründete eine „Wiener Schule des Blumensteckens“, die sie im Rahmen der Österreichischen Gartenbau-Gesellschaft über zwanzig Jahre lang in Kursen unterrichtete., zu der sie auch theoretische Werke verfasste.

Ihre umfangreiche Sammlung philippinischer Pflanzen übergab sie 1986 an das Herbar der Universität Wien.

Noch ein Jahr vor ihrem Tod, im Jahr 1999, regte Mona Lisa Steiner eine mehrsprachige Internet-Datenbank an („foodplants database“), die nunmehr von der Universität für Bodenkultur als größte mehrsprachige internationale Datenbank für Nutzpflanzen weitergeführt wird.

Sie ist Trägerin zahlreicher Ehrungen und Auszeichnungen (1961 Woman Horticulturist of 1960 durch die Philippine Federation of Business and Professional Women’s Club; 1996 Banaag Award für herausragende Leistungen für die Philippinen von der Philippinischen Republik; 1996 Award of Merit der Rizal-Blumentritt Society Austria; 1998 Berufstitel Professor).

Sie starb – während eines ORF-Interviews - am 10. April 2000 in Wien an einem Herzinfarkt.

2012-2015 lief zu ihrer Arbeit ein FWF-Forschungsprojekt am Institut für Zeitgeschichte: "Tropical Botany in Exile. Mona Lisa Steiner (1914-2000): Scientific Continuities, Transfers and Practices in Austria and the Philippines" (Carola Sachse/Sonja Walch) , und es entstehen aktuell immer wieder Aufsätze zu ihrer Arbeit am Institut für Botanik der Universität Wien.


Lit.: Porträtskizze Mona Lisa STEINER, in
POSCH/INGRISCH/DRESSEL 2008, 341f.; STEINER R. 2004STEINER R. 2006; Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus an der Österreichischen Akademie der WissenschaftenSTEINER H. 2009; KANZLER 2010KANZLER DOEWLINDENBERG 2010uni:view 2013; KNIEFACZ/POSCH 2017b; KNIEFACZ/POSCH 2017cKANZLER 2018KIEHN 2018.

Herbert Posch

 


Dokumente

Nationale von Lise Lindenberg [später verehel. Steiner], Wintersemester 1937/38 (1. Formular Vorderseite), Foto: H. Posch (c) Archiv der Universität WienNationale von Lise Lindenberg [spä...
Nationale von Lise Lindenberg [später verehel. Steiner], Wintersemester 1937/38 (1. Formular Rückseite), Foto: H. Posch (c) Archiv der Universität WienNationale von Lise Lindenberg [spä...
Nationale von Lise Lindenberg [später verh. Mona Lisa Steiner], Sommersemester 1938 (1. Formular Vorderseite), Foto: H. Posch (c) Archiv der Universität WienNationale von Lise Lindenberg [spä...
Nationale von Lise Lindenberg [später verehel. Steiner], Sommersemester 1938 (1. Formular Rückseite), Foto: H. Posch (c) Archiv der Universität WienNationale von Lise Lindenberg [spä...
Mona Lisa Steiner, Reisepass, (c) Archiv Mag. Ruth SteinerMona Lisa Steiner, Reisepass, (c) A...
Mona Lisa Steiner, Foto: Nancy Ann CoyneMona Lisa Steiner, Foto: Nancy Ann ...



zuletzt aktualisiert am 13.01.2019

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