Präambel

An der Universität Wien wurden im Jahr 1938, mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus über 2.700 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität entlassen und in der Folge vertrieben und/oder ermordet - Lehrende, Studierende und MitarbeiterInnen der Verwaltung, des weiteren wurde über 200 Personen der akademische Grad aberkannt. 70 Jahre nach dem sogenannten "Anschluß" und der Pogromnacht (zynisch: "Reichskristallnacht") erinnert die Universität Wien 2008 an dieses Unrecht und  ...

person

Adele Engelberg (verh. Spensley)

  • Geb. am: 23. Oktober 1911
  • Fakultät: Medizinische Fakultät
  • Kategorie: vertriebene Lehrende

Dr.med. Adele ENGELBERG, verh. SPENSLEY, geb. am 23. Oktober 1911 in Stary Sambor, Galizien/Österreich-Ungarn [später Polen, heute: Staryj Sambir|Старий Самбір/Ukraine] (heimatberechtigt in Wien, Staatsbürgerschaft: Österreich), hatte im Juni 1936 an der Medizinischen Fakultät promoviert und arbeitete bis April 1938 als Hilfsärztin ohne Stipendium an der II. Univ.-Augenklinik (Prof. Lindner).

Nach dem "Anschluss" wurde sie aus rassistischen Gründen von der Universität Wien vertrieben und entlassen.

Adele Engelberg, Tochter von Majer Leib/Leopold Engelberg, recte Gottesmann (1875–1942, Kaufmann, Holzgroßhandel) und Chajes Sarah Engelberg, recte Gottesmann (1876–1936), war bereits als Vierjährige am Beginn des Ersten Weltkrieges 1915 mit der Familie – Eltern und sechs Geschwistern – aus Galizien nach Wien übersiedelt. Sie hatte in Wien ihre gesamte Schulausbildung absolviert und am 24. Juni 1930 am Realgymnasium des Vereins für realgymnasialen Mädchenunterricht in Wien 8., Albertgasse 38, die Reifeprüfung (Matura) mit gutem Erfolg abgelegt. Anschließend hatte sie im Wintersemester 1930/31 an der Universität Wien Medizin zu studieren begonnen und promovierte nach der Mindeststudienzeit von zehn Semestern am 5. Juni 1936 zur Dr. med. Bevor sie aber an die Eröffnung einer eigenen Arztpraxis schreiten konnte (Mitglied der Wiener Ärztekammer und angemeldet als Ärztin beim Wiener Magistrat im Juni 1936), wurde sie ab 1. Juli 1936 auf ein Jahr zur Hilfsärztin ohne Stipendium bestellt und arbeitete an der II. Univ.-Augenklinik unter der Leitung von Prof. Karl David Lindner (1883–1961). Ihre Bestellung wurde am 9. Juli 1937 verlängert bis Ende Juni 1938, vor der üblichen erneuten Verlängerung wurde nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im März aber vielmehr Anfang April 1938 der Bestellungsvertrag aus rassistischen Gründen vorzeitig per 30. April gekündigt und ab 1. Mai 1938 wurde sie durch Dr. Kurt Hiebaum ersetzt - Adele Engelberg musste die Universität Wien und das Allgemeine Krankenhaus verlassen.

Adele Engelberg musste aus Wien flüchten und versuchte eine Stellung in der Schweiz, in Großbritannien oder in die USA zu finden um dorthin ausreisen zu können und hospitierte in dieser Zeit bis Ende Juni 1938 am Chemisch-mikroskopischen Laboratorium im Wiener Sanatorium Dr. Anton Löw und assistierte vom 1. März bis Ende August 1939 als Augenärztin im Spital der Wiener Israelitischen Kultus-Gemeinde.
Nachdem Bemühungen um Anstellungen als Augenärztin in der Schweiz an fremdenpolizeilichen Einsprüchen 1938 scheiterten, gelang es ihr 1939 in Swansea, Wales/Großbritannien eine Stelle zu finden und konnte Ende August per Bahn von Wien über London nach Wales ausreisen. Obwohl bereits eine ihrer Schwestern in London, England, lebt, und sie am 31. Oktober auch von einer Internierung als enemy alien ausgenommen wurde, bemühte sie sich von England aus weiter in die USA emigrieren zu können.
Eine andere Schwester, Dr. phil. Recha Engelberg (geb. 1900, 1924 an der Universität Wien in Chemie promoviert), die bereits erfolgreich nach Tampa, FL/USA emigriert ist, konnte einen Bürgen für sie finden der ein Affidavit ausstellte womit es ihr am 18. März 1940 gelang, in London ein U. S.-Einwanderungsvisum zu erhalten. Am 7. Mai 1940 reiste sie von Southampton, England, mit der SS Pennland in die USA, wo sie am 16. Mai 1940 in New York City, NY, ankam. Sie fand eine Unterkunft in Lower Manhattan in New York City und bemühte sich um ihre amerikanische Zulassung als Ärztin, die aber an hohe Auflagen und zahlreiche Studien und Prüfungen gebunden war. Sie konnte 1941 ein internship am Memorial Hospital in Albany, NY, finden und i mSommer alle erforderlichen englischsprachigen Medizin-Prüfungen für ihre Zulassung in den USA erfolgreich ablegen und erhielt am 28. August 1942 ihre licence to practise vom Staat New York.

Neben zwei Schwestern, die nach England (London) emigriert waren - von denen eine, Dr. Dina Bunzl, geb. Engelberg (1914-1983) 1946 als einzige wieder nach Österreich zurückkehrte -, war eine weitere Schwester in die USA emigriert und eine weitere nach Palästina [Israel] sowie ein Bruder nach Frankreich; eine weitere Schwester und ihr Vater blieben vorerst noch in Wien, aber bevor die geplante Ausreise in die USA bzw. Kuba realisiert werden konnte, wurde ihr Vater Majer Leib/Leopold Engelberg am 28. Juli 1942 von Wien 2, Nestroygasse 1/9, nach Theresienstadt [Terezín/Tschechische Republik] deportiert und später ermordet und ihre Schwester Charlotte Engelberg kurz darauf am 17. August 1942 aus Wien nach Maly Trostinec [Polen] deportiert und ermordet; ihr Bruder Dr.iur. Heinrch Engelberg wurde nach der deutschen Besetzung Frankreichs im Lager in Drancy interniert und im August 1942 in das deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager nach Auschwitz [Oświęcim/Polen] deportiert und ermordet.

Dr. Adele Engelberg blieb auch nach dem Ende des Nationalsozialismus in den USA - sie war in der Zwischenzeit U.S.-Staatsbürgerin geworden -, und arbeitete bis 1958 als Ärztin am Memorial Hospital in Albany, NY. Sie heiratete am 2. Juli 1958 in Avon, CT/USA den gebürtigen Amerikaner Robert E. Spensley (1918-2002) und lebte zuletzt in Easton, CT/USA.

Dr. Adele Engelberg-Spensley starb am 22. Oktober 2005 und ist im Workmens Circle Cemetery in Fairfield, CT/USA begraben.


Lit.: Archiv der Universität Wien/Nationale MED 1934-1937, Promotionsprotokoll MED XIII (1929-1941) Nr. 2935, Rektorat GZ 677 ex 1937/38, Onr 91, Rektorat GZ 680 ex 1937/38; Ruth und Peter WEINBERGER, Sechs Schwestern auf der Flucht vor den Nationalsozialisten, Weißenkirchen 2021; REITER-ZATLOUKAL/SAUER 2022; freundlicher Hinweis von Dr.in Barbara Sauer, Wien 07/2017 und von Adele Engelberg-Spensleys Großnichte Dr.in Ruth Jolanda Weinberger, Wien 12/2021; www.findagrave.com; www.ancestry.de.


Herbert Posch


Dokumente

Adele Engelberg, Meldungsbuch 1930 © Ruth Jolanda & Peter WeinbergerAdele Engelberg, Meldungsbuch 1930 ...
Adele Engelberg, Promotionsurkundenkopie 1936 © Ruth Jolanda & Peter WeinbergerAdele Engelberg, Promotionsurkunden...
Adele Engelberg, Bestellung zur Hilfsärztin an der II. Univ.-Augenklinik 1937 © Ruth Jolanda & Peter WeinbergerAdele Engelberg, Bestellung zur Hil...
Adele Engelberg, Entlassung und Ausschluss von Vereidigung April 1938, © Archiv der Universität WienAdele Engelberg, Entlassung und Aus...



zuletzt aktualisiert am 06.12.2021

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