Präambel

An der Universität Wien wurden im Jahr 1938, mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus über 2.700 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität entlassen und in der Folge vertrieben und/oder ermordet - Lehrende, Studierende und MitarbeiterInnen der Verwaltung, des weiteren wurde über 200 Personen der akademische Grad aberkannt. 70 Jahre nach dem sogenannten "Anschluß" und der Pogromnacht (zynisch: "Reichskristallnacht") erinnert die Universität Wien 2008 an dieses Unrecht und  ...

Karl Kloss

  • Geb. am: 18. Februar 1917
  • Fakultät: Medizinische Fakultät
  • Kategorie: vertriebene Studierende

Karl KLOSS, geb. am 18. Februar 1917 in Wien (heimatberechtigt in Olmütz/Mähren [Olomouc/Tschechische Republik], Staatsbürgerschaft: CSR), war der Sohn von Dr. Karl Kloss (Arzt) und dessen Ehefrau Sophie (geb. Kohn). Seine Eltern zogen 1920 nach Amsterdam/Niederlande um, wo sein Vater als praktischer Arzt, später auch als Vertrauensarzt der deutschen Gesandtschaft arbeitete. Gemeinsam mit einer Kinderfrau lebte Karl Kloss in Wien 2, Rueppgasse 8/8.
Nach der Reifeprüfung 1935 begann er im Wintersemester 1935/36 ein Studium der Medizin an der Universität Wien.

Da seine Großeltern mütterlicherseits der jüdischen Religionsgemeinschaft angehörten, galt Karl Kloss im Nationalsozialismus als "Mischling 1. Grades" und konnte sein Studium auch nach dem "Anschluss" - bei jederzeitigem Widerruf - vorläufig fortsetzen. Er war im Wintersemester 1938/39 an der Medizinischen Fakultät im 7. Studiensemester inskribiert (Wintersemester 1938/39 wurde ihm am 26. April 1939 als gültig angerechnet). Im November 1939 bestand er das 1. Rigorosum und arbeitete anschließend als Famulus an der I. Chirurgischen Universitätsklinik unter Prof. Leopold Schönbauer.

Als "Mischlinge" ab dem 1. Trimester 1940 ein Gesuch an das Reichserziehungsministerium Berlin um Studienzulassung stellen mussten, reichte auch Karl Kloss im September 1940 ein Ansuchen zur Fortsetzung seines Studiums ein. Gemäß Vorschrift legte der Dekan der zuständigen Medizinischen Fakultät, Eduard Pernkopf, dem Antrag ein mit 21. September 1940 datiertes Gutachten, das "insbesondere auf den persönlichen Eindruck über die Persönlichkeit und das Aussehen des Gesuchstellers einzugehen [hatte]. Dabei ist zu erwähnen, ob und inwieweit Merkmale der jüdischen Rasse beim Gesuchsteller äußerlich erkennbar sind." [Erlass des Reicherziehungsministeriums, 5. Jänner 1940]. Er stellte fest: "Sein Aeusseres zeigt keinen jüdischen Typus."
Das Reichserziehungsministerium entschied nach Absprache mit dem Reichsinnenministerium im November 1940, Kloss "ausnahmsweise" noch zur ärztlichen Prüfung nach alter österreichischer Studienordnung zuzulassen, da er die Vorprüfung (1. Rigorosum) bereits bestanden hatte. Dabei sei er jedoch ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass sie als "Mischlinge 1. Grades" keine Chance hatten, die Bestallung (Berufszulassung) als Arzt im Deutschen Reich zu erhalten.

Nach bestandenem 2. und 3. Rigorosum wäre Karl Kloss nach alter Studienordnung berechtigt gewesen zu promovieren. Im April 1942 übermittelte die Universität Wien sein Ansuchen um Zulassung zur Promotion zum Dr. der gesamten Heilkunde. 
Das REM fällte am 19. September 1942 eine grundsätzliche Entscheidung: Ohne Nachweis der Bestallung als Arzt (die ‚Mischlingen 1. Grades‘ grundsätzlich nicht erteilt wurde) durfte das Doktordiplom nicht ausgehändigt werden.

"Um den Genannten jedoch die Erlangung einer geeigneten Anstellung in der Industrie zu erleichtern, ermächtige ich die Fakultät, eine Bescheinigung des Inhalts auszustellen, daß sie, abgesehen von dem Nachweis der deutschblütigen Abstammung, alle Voraussetzungen für die Verleihung des Doktorgrades erfüllt haben. Auf der Bescheinigung ist ausdrücklich zu vermerken, daß sie nicht als Doktordiplom gilt."

Diese Bestätigung wurde am 20. Oktober 1942 ausgefertigt. Er konnte damit als unbesoldeter Gastarzt bzw. Volontärassistent am Pathologisch-Anatomischen Institut der Universität Wien am Allgemeinen Krankenhaus Wien arbeiten.

Erst nach dem Ende des Nationalsozialismus wurde er am 8. Juni 1945 promoviert, wobei das Doktordiplom rückdatiert wurde auf den 16. März 1942, also jenen Tag, an dem er die letzte Prüfungsleistung erbracht hatte, und damals nur aufgrund seiner jüdischen Abstammung das Doktordiplom nicht erhalten hatte.

Er war römisch-katholisch und heiratete unmittelbar nach Ende des Nationalsozialismus am 26. April 1945 seine Frau und sie hatten gemeinsam ein Kind.
Am 10. Jänner 1947 erwarb er auch die Österreichische Staatsbürgerschaft (bis dahin tschechoslowakischer Staatsbürger).

Seine Facharztausbildung in Chirurgie - er konnte sie erst nach dem Ende des Nationalsozialismus aufnehmen - schloss er im Jänner 1951 erfolgreich ab und übersiedelte bald darauf als Assistent für Neurochirurgie an die Chirurgische Universitätsklinik (Leitung: Prof. Burghard Breitner) an die Universität Innsbruck/Tirol (per 26. Februar 1952 wechselte er  von der Wiener zur Tiroler Ärztekammer).

Er habilitierte sich im Jänner 1958 für "Chirurgie mit besonderer Berücksichtigung des Spezialfaches der Neurochirurgie" und wurde 1967 außerordentlicher Professor und 1972 ordentlicher Professor für Chirurgie an der Universität Innsbruck. Er war 1967-68 und 1975-1976 Präsident der österreichischen Gesellschaft (Arbeitgemeinschaft) für Neurochirurgie.

Er starb ungefähr 1979.


Lit.: Archiv der Universität Wien/Nationale MED 1937-1939; Promotionsprotokoll MED 1941-1949 Nr. 1243; freundlicher Hinweis Dr.in Barbara Sauer, Wien 07/2019; freundlicher Hinweis Dr. Peter Goller, Innsbruck 07/2019; REITER_ZATLOUKAL/SAUER 2019.


Katharina Kniefacz, Herbert Posch


Dokumente

Nationale von Karl Kloss, Wintersemester 1937/38 (Vorderseite), Foto: H. Posch (c) Archiv der Universität WienNationale von Karl Kloss, Wintersem...
Nationale von Karl Kloss, Wintersemester 1937/38 (Rückseite), Foto: H. Posch (c) Archiv der Universität WienNationale von Karl Kloss, Wintersem...
Nationale von Karl Kloss, Sommersemester 1938 (Vorderseite), Foto: H. Posch (c) Archiv der Universität WienNationale von Karl Kloss, Sommersem...
Nationale von Karl Kloss, Sommersemester 1938 (Rückseite), Foto: H. Posch (c) Archiv der Universität WienNationale von Karl Kloss, Sommersem...
Nationale von Karl Kloss, Wintersemester 1938/39 (Vorderseite), Foto: H. Posch (c) Archiv der Universität WienNationale von Karl Kloss, Wintersem...
Nationale von Karl Kloss, Wintersemester 1938/39 (Rückseite), Foto: H. Posch (c) Archiv der Universität WienNationale von Karl Kloss, Wintersem...
Karl Kloss, MED Promotionsprotokoll vom 8. Juni 1945, © Archiv der Universität WienKarl Kloss, MED Promotionsprotokoll...



zuletzt aktualisiert am 23.07.2019

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