Präambel

An der Universität Wien wurden im Jahr 1938, mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus über 2.700 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität entlassen und in der Folge vertrieben und/oder ermordet - Lehrende, Studierende und MitarbeiterInnen der Verwaltung, des weiteren wurde über 200 Personen der akademische Grad aberkannt. 70 Jahre nach dem sogenannten "Anschluß" und der Pogromnacht (zynisch: "Reichskristallnacht") erinnert die Universität Wien 2008 an dieses Unrecht und  ...

person

Josef Geiringer

  • Geb. am: 24. September 1894
  • Fakultät: Juridische Fakultät
  • Kategorie: Doktorgradaberkennung

Josef Eduard GEIRINGER, geb. am 24. September 1894 in Wien, gest. am 8. März 1994, hatte am 28. Januar 1920 an der Juridischen Fakultät der Universität Wien den Grad eines Dr. iur. erworben.

Er war seit 24. Jänner 1924 mit Stefanie Ullmann (1895-1971) verheiratet, die wie er selbst auch aus einer "Juristen-Familie" stammte, und 1930 wurde ihr Sohn Friedrich Robert Geiringer geboren. Kurz nach der Heirat wurde Dr. Josef Eduard Geiringer am 14. Oktober 1924 in die Wiener Rechtsanwaltsliste eingetragen und eröffnete eine eigene Rechtsanwaltskanzlei in Wien 8, Friedrich-Schmidt-Platz 4 und wohnte in Wien 2., Rotensterngasse 16.

Geiringer war als Rechtsanwalt für die Unternehmer-Familie Zweig in Wien tätig - er war u.a. neben Dr. Stefan Zweig und dessen Schwägerin Stephanie Zweig im Verwaltungsrat der Tuchfabrik in Reichenberg [Liberec] und vertrat den Schriftsteller Stefan Zweig auch in Sachen Verlagsrechten und Honorarzahlungen, beim Verkauf von Zweigs Immobilien in Salzburg und Wien sowie in Wertpapiergeschäften.

Im Nationalsozialismus musste er seine Kanzlei schließen, seine Anwaltszulassung wurde gelöscht und er musste  aus Österreich fliehen. Er wurde am 7. April 1939 aus Wien in die Schweiz abgemeldet. 1941 emigrierte Josef Eduard Geiringer nach Rio de Janeiro und lebte zurückgezogen in São Paulo.

Am 22. Juli 1943 wurde ihm von der Universität Wien der Doktorgrad aus rassistischen Gründen aberkannt, da er im Nationalsozialismus 'als Jude als eines akademischen Grades einer deutschen Hochschule unwürdig' galt.

Zu diesem Zeitpunkte lebte er bereits in São Paolo/Brasilien von wo er 1947 wieder nach Wien zurückkehrte um hier wieder zu leben und als Rechtsanwalt zu arbeiten.

Erst 12 Jahre nach der Aberkennung und lange nach dem Ende des Nationalsozialismus wurde ihm der Doktorgrad am 15. Mai 1955 stillschweigend wieder zuerkannt, bzw. die Aberkennung für 'von Anfang an nichtig' erklärt.

Dr. Josef Eduard Geiringer starb 99-jährig am 8. März 1994 in Wien.


Lit.: Archiv der Universität Wien/Promotionsprotokoll IUR 1920–1924 Nr. 5, Rektorat GZ 118 ex 1941/42, GZ 561 ex 1944/45 ONr. 15; Österreichisches Staatsarchiv/Archiv der Republik/Entschädigungs- und Restitutionsangelegenheiten/Vermögensverkehrsstelle/Vermögensanmeldungen Wien/1057; POSCH 2009, 416; SAUER/REITER-ZATLOUKAL 2009, 149; Geiringer Family Genealogy|rootsweb-ancestry; www.geni.com; www.ancestry.de.


Herbert Posch




zuletzt aktualisiert am 20.07.2021

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