Präambel

An der Universität Wien wurden im Jahr 1938, mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus über 2.700 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität entlassen und in der Folge vertrieben und/oder ermordet - Lehrende, Studierende und MitarbeiterInnen der Verwaltung, des weiteren wurde über 200 Personen der akademische Grad aberkannt. 70 Jahre nach dem sogenannten "Anschluß" und der Pogromnacht (zynisch: "Reichskristallnacht") erinnert die Universität Wien 2008 an dieses Unrecht und  ...

Adolf Erich (Adolphe) Fürth (Furth)

  • Geb. am: 30. Mai 1897
  • Fakultät: Philosophische Fakultät
  • Kategorie: Doktorgradaberkennung

Adolf Erich FÜRTH (später Adolphe FURTH), geb. am 30. Mai 1897 in Strakonitz, Böhmen/Österreich-Ungarn (Strakonice, Tschechien) als Sohn von Dr. Hugo Fürth (1859-1930, Chemiker, Vizepräsident der Österreichischen Fez-Fabriken) und Margarethe Fürth, geb. Schwab (1866-1956). Er hatte an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien Chemie studiert und am am 5. April 1922 den Grad eines "Dr. phil." in Chemie erworben (Dissertation: "Kinetik der Jodbildung aus Jodid und Perjodat"). Er wohnte in Wien ab 1933 im von den Architekten Fischel und Siller errichteten Haus im Krottenbachtal in Wien 19, Agnesstraße 45, einem Musterbeispriel der Wiener Sachlichkeit.

Er und seine Familie wurden im Nationalsozialismus als Juden und Jüdinnen verfolgt: seine Mutter konnte noch rechtzeitig in die USA emigirieren, seine Schwester Marianne Pribram (1893-1940, verh. m. Rechtsanwalt Dr.jur Felix Ewald Pribram, 1893-1940) begingen 1940 in Prag Doppelselbstmord, sein Bruder, Vizepräsident der Österreichischen Fez-Fabriken und Bühnenschriftsteller Dr.phil. Otto Fürth (1894-1970, verh. m. Gertrude, geb. Hnatek, 1900-1983) konnte rechtzeitig in die USA emigrieren, ebenso seine Schwester Gertrud Fleischmann (1899-1990, verh. m. Arzt Dr.med. Walter Fleischmann, 1896-1979) und sein Bruder Dr. Rudolf Ernst Fürth (1903-1986, verh. m. Edith, geb. Werkmeister)

Adolf Erich Fürth musste aus Wien flüchten, während seine Ehefrau Christa Fürth (geb. Freiin Pakeny von Kilstätten, 1895-1976), die im Nationalsozialismus als "arisch" kategorisiert wurde, vorerst in Wien bleiben konnte, während er im September 1938 nach Brüssel/Belgien emigrierte. Vor der Deutschen Wehrmacht, die im Mai 1940 auch Belgien besetzte flüchtete er nach Südwest-Frankreich, ins Dordogne-Périgord, wohin ihm auch seine Frau folgte. Nachdem sie am 16. Juni ein US-Visum in Marseille erhalten konnten emigrierten beide über Spanien in die USA. Am 7. August konnten sie mit der SS Navemar von Sevilla/Spanien aus Europa abreisen und kamen am 12. September 1941 in New York, NY, an. Bereits nach der Flucht aus Belgien war ihm im August 1941 aus rassistischen Gründen die Deutsche Staatszugehörigkeit aberkannt worden (er wurde "staatenlos"). Am 14. Juli 1942 wurde ihm daraufhin von der Universität Wien auch der akademische Grad aus rassistischen Gründen aberkannt, da er im Nationalsozialismus "als Jude als eines akademischen Grades einer deutschen Hochschule unwürdig" galt.

Adolphe Furth, wie er nun hieß, konnte in den USA als Chemiker arbeiten, wurde im Februar 1942 zur US-Army gemustert (er wohnte damal in 628, W. 227 street in New York City, NY, später in Wenonah, New Jersey), wurde US-Staatsbürger und wurde 1952 Professor für Chemie am North Carolina College Durham.

Erst 13 Jahre nach der Aberkennung und lange nach dem Ende des Nationalsozialismus wurde ihm der Doktorgrad am 15. Mai 1955 wieder zuerkannt, bzw. die Aberkennung für 'von Anfang an nichtig' erklärt.

Später kehrte Adolphe Furth, geb. Adolf Erich Fürth, wieder nach Österreich zurück, wo er als US-Staatsbürger am 27. Juni 1983 in Wien starb und seine Urne am Wiener Zentralfriedhof beigesetzt wurde.


Lit: Archiv der Universität Wien, Promotionsprotokoll PHIL 1913–1922 Nr. 1412, Rektorat GZ 118/74 ex 1941/42 und GZ 561/15 ex 1944/45; POSCH 2009, 415; Iris MEDER 2009; GAUGUSCH 2011, 820-822; www.geni.com; www.genteam.at; www.findbuch.at.


Herbert Posch


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zuletzt aktualisiert am 16.06.2021

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