Präambel

An der Universität Wien wurden im Jahr 1938, mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus über 2.700 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität entlassen und in der Folge vertrieben und/oder ermordet - Lehrende, Studierende und MitarbeiterInnen der Verwaltung, des weiteren wurde über 200 Personen der akademische Grad aberkannt. 70 Jahre nach dem sogenannten "Anschluß" und der Pogromnacht (zynisch: "Reichskristallnacht") erinnert die Universität Wien 2008 an dieses Unrecht und  ...

person

Paul Huber

  • Geb. am: 25. Mai 1901
  • Fakultät: Medizinische Fakultät
  • Kategorie: vertriebene Lehrende

Paul HUBER, geb. am 25. Mai 1901 in Hall/Tirol, gest. am 30. Dezember 1975 in Innsbruck, war 1938 Dozent für Chirurgie an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien.

Er wurde im Nationalsozialismus aus politischen Gründen verfolgt, 1940 wurde ihm die Venia legendi entzogen doch konnte er weiter an der Universität Wien arbeiten. Er wurde 1942 sogar zum "Dozenten neuer Ordnung" ernannt.

Huber war Sohn des Gerichtsadjunkten und späteren Hofrats beim Obersten Gerichtshof Rudolf Huber und besuchte von 1911 bis 1919 das Staatsgymnasium in Innsbruck, um im darauf folgenden Wintersemester Medizin an der Universität Innsbruck zu inskribieren. Seine Studien, die er 1923 auch für ein Semester in Wien absolvierte, beendete er schließlich im Februar 1925. Im Anschluss daran erhielt er unter Rudolf Maresch eine Ausbildung in pathologischer Anatomie am Pathologisch-anatomischen Institut der Universität Wien sowie jene in innerer Medizin unter F. Kovacs an der IV. medizinischen Abteilung des Wiener Allgemeinen Krankenhauses. Nächste Station in Hubers Biographie war die Chirurgische Klinik in Innsbruck, an der er ab Jänner 1927 als Volontärarzt tätig war. Ab diesem Zeitpunkt versah er seinen Dienst auch ausschließlich an chirurgischen Stationen. Es folgte eine Tätigkeit als Assistent am Deutschen Hospital in London (August 1928–Juni 1929), woraufhin Huber wieder als Hilfsarzt nach Innsbruck zurückkehrte und im November 1929 zum ao. Assistenten aufstieg. Drei Jahre später, 1932, zog es Huber – nun als Assistent – wieder nach Wien, nachdem Egon Ranzi die I. Chirurgische Klinik übernommen hatte. 1935 wurde ihm die Anerkennung des Bundesministeriums für Unterricht ausgesprochen, nachdem er im Rahmen der Februarunruhen 1934 Exekutivorgane ärztlich versorgt hatte.[1] Im Austrofaschismus, 1937, habilitierte sich Huber auch an der Universität Wien – was sich in der NS-Zeit als gravierender Nachteil erweisen sollte.

Der "Anschluss" zeigte aber vorerst keine Konsequenzen für Huber, wiewohl sein Klinikchef, Egon Ranzi im März 1938 nicht nur entlassen, sondern auch inhaftiert wurde.[2] Huber selbst bewarb sich indes 1939 um den Vorstandsposten an der chirurgischen Abteilung im Krankenhaus der barmherzigen Schwestern in Linz.[3] Diese Bemühungen führten allerdings zu keinem Erfolg, während er im Jahr darauf auch seine Tätigkeit an der Universität Wien einstellen musste: Im Rahmen einer zweiten "Säuberungswelle", der Einführung des "Dozenten neuer Ordnung" – womit sich alle habilitierten Lehrenden, die noch zum ao. oder o. Prof. aufgestiegen waren, einer neuerlichen politischen Überprüfung zu unterziehen hatten – verlor Huber seine Lehrbefugnis. Das Reichserziehungsministerium (REM) hatte den Antrag mit Erlass vom 23. Juli 1940 abgelehnt.[4] Wie aus einem späteren Gutachten hervorgeht, dürfte seine katholische Einstellung ausschlaggebend gewesen sein.[5] In den dem Antrag beiliegenden Dokumenten findet sich lediglich der Hinweis, dass der Dozentenbund "wegen seiner [Hubers, Anm.] weltanschaulichen Einstellung ab[lehne]".[6] Positiv hatte sich zuvor nur Leopold Schönbauer geäußert.[7]

Auf seine Tätigkeit an der I. Chirurgischen Klinik hatte die Ablehnung aber keine negativen Auswirkungen, womit Huber weiterhin als wissenschaftlicher Assistent arbeiten konnte.[8] Das Dekanat beantragte im Juli 1941 sogar seine Ernennung zum Oberarzt.[9] Wenig später folgte der nächste Antrag auf Ernennung zum Dozenten neuer Ordnung, wobei sich insbesondere wieder Schönbauer um die Wiedereinsetzung bemühte: Neben den "hervorragenden ärztlichen Fähigkeiten" hob er v. a. Hubers "positive Einstellung zum Dritten Reich" hervor, von der er sich "dauernd überzeugen" habe können.[10] Dekanat und NSD-Dozentenbund bzw. Arthur Marchet erhoben nun ebensowenig Einspruch.[11] Zwar stamme Huber aus einer "streng katholischen orientierten [sic!] Familie und [habe] aus diesen Gründen während der Systemzeit den Nationalsozialismus abgelehnt", allerdings habe er auch "die Methoden der Systemregierung" nicht befürwortet. Seit dem "Anschluss" verhalte er sich "in jeder Hinsicht einwandfrei" und habe sich "mehrmals freiwillig zum Heeresdienst gemeldet und seine chirurgischen Kenntnisse bei der Heranbildung der jüngeren Chirurgen stets in kameradschaftlicher Weise zur Verfügung gestellt".[12] Erwartungsgemäß fand der Antrag nun, im Mai 1942, das für Huber positive Ergebnis.[13] Im Monat darauf folgte die Ernennung zum Oberarzt.[14] Dass ihm das Regime mit fortlaufender Dauer sehr wohl Akzeptanz engegebrachte, zeigt auch die Verleihung des Kriegsverdienstkreuzes 2. Klasse im September 1943.[15] Im Übrigen war er Mitglied der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) und des Reichsluftschutzbundes (RLB) gewesen,[16] wohingegen die Ärztekammer Wien im August 1945 von keinen Mitgliedschaften zu berichten wusste.[17]

Das Ende des Zweiten Weltkrieges erbrachte für Huber, der im November 1945 den Titel eines ao. Prof. erhielt,[18] dann insofern einen Aufstieg, als er bereits am 3. Mai 1945 die Leitung der chirurgischen Abteilung des Elisabethspitals übernahm.[19] An seiner neuen Wirkungsstätte verbesserte er die Technik der Kropfoperation ebenso wie die Diagnostik und Therapie von Schilddrüsenerkrankungen. Huber galt somit europaweit als Experte in diesem Bereich. Burghard Breitner nachfolgend wurde er 1956 Vorstand und Ordinarius der Chirurgischen Universitäts-Klinik in Innsbruck, an deren Neubau er mitbeteiligt war. An seiner Klinik setzte er sich indes erfolgreich für die Schaffung von insgesamt acht Ordinariaten bzw. Lehrkanzeln für Anästhesie, chirurgische Spezialfächer und Nuklearmedizin ein. Abgesehen von den genannten Gebieten widmete sich Huber auch der Abdominal-, Kinder- wie auch der plastischen Chirurgie, wobei diese noch nicht als eigenständige Disziplinen in der Chirurgie galten.[20]

Huber war in Zeiten der Ersten Republik bzw. des Austrofaschismus u. a. Ordentliches Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, der Gesellschaft der Chirurgen in Wien wie auch der Gesellschaft der Ärzte in Wien,[21] und 1964 Präsident der "Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie". Das Amt des Dekans an der Universität Innsbruck übte er im Studienjahr 1960/61 aus.[22]


Lit.: Archiv der Universität Wien, MED PA 221; Bundesarchiv Berlin, Reichsärzteregister; Österreichisches Staatsarchiv ÖStA/AdR, PA Huber; MÜHLBERGER 1993, 24; CZEIKE 1992-1997 [2004]; Michael Hubenstorf, Medizinische Fakultät 1938–1945, in: Gernot Heiß u.a. (Hg.), Willfährige Wissenschaft. Die Universität Wien 1938 bis 1945, Wien 1989, 233; UB MedUni Wien/van Swieten Blog.


[1] UA, PA, fol. 14, Curriculum vitae, o. D.

[2] Michael Hubenstorf, Medizinische Fakultät 1938–1945, in: Gernot Heiß/Siegfried Mattl/Sebastian Meissl/Edith Saurer/Karl Stuhlpfarrer (Hrsg.), Willfährige Wissenschaft. Die Universität Wien 1938 bis 1945, Wien 1989, 233–282, 242.

[3] UA, PA, fol. 57, Dekanatsakt MED 1947-1938/39. Das Dokument selbst findet sich nicht in der Mappe.

[4] Ebd., fol. 51, Der Kurator der wissenschaftlichen Hochschulen in Wien an das Rektorat, 3. 9. 1940.

[5] ÖStA/AdR, PA, fol. 13, NSD-Dozentenbund an REM, 15. 10. 1941.

[6] UA, PA, fol. 77, MED Dekanat an Min. f. i. u. k. A., 22. 1. 1940.

[7] Ebd., fol. 83, Leopold Schönbauer an MED Dekanat, 25. 5. 1939.

[8] Vgl. ÖStA/AdR, PA, Kurator der wissenschaftlichen Hochschulen an Huber, 21. 11. 1941.

[9] ÖStA/AdR, PA, fol. 23, MED Dekanat an Kurator der wissenschaftlichen Hochschulen, 5. 7. 1941.

[10] Ebd., fol. 12, Leopold Schönbauer an MED Dekanat, o. D. ("X. 1941").

[11] Ebd., Kurator der wissenschaftlichen Hochschulen in Wien an REM, 21. 10. 1941.

[12] Ebd., fol. 13, NSD-Dozentenbund an REM, 15. 10. 1941.

[13] UA, PA, fol. 55, REM an das Rektorat der Universität Wien, 6. Mai 1942 (Abschrift).

[14] ÖStA/AdR, PA, Kurator der wissenschaftlichen Hochschulen an Huber, 30. 6. 1942.

[15] Ebd., REM an den Kurator, 24. 9. 1943.

[16] Ebd., Personalnachrichten, 12. 10. 1942.

[17] UA, PA, fol. 71, Information der Ärztekammer Wien, 8. 10. 1945.

[18] Ebd., fol. 66, Staatsamt für Volksaufklärung an MED Dekanat, 25. 11. 1945.

[19] ÖStA/AdR, PA, I. Chirurgische Klinik/Leopold Schönbauer an den ökonomisch administrativen Dienst, 3. 3. 1947.

[20] Felix Czeike, Historisches Lexikon Wien. Bd. 3, Wien 1994.

[21] UA, PA, fol. 5, Personalangabe, o. D.

[22] Czeike, Bd. 3, 1994.

 

Andreas Huber




zuletzt aktualisiert am 12.01.2021

Haben sie Fragen, Korrekturen oder Anmerkungen zu dieser Person? Nutzen Sie das folgende Formular um uns Informationen zukommen zu lassen:

Feedback übermitteln: