Präambel

An der Universität Wien wurden im Jahr 1938, mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus über 2.700 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität entlassen und in der Folge vertrieben und/oder ermordet - Lehrende, Studierende und MitarbeiterInnen der Verwaltung, des weiteren wurde über 200 Personen der akademische Grad aberkannt. 70 Jahre nach dem sogenannten "Anschluß" und der Pogromnacht (zynisch: "Reichskristallnacht") erinnert die Universität Wien 2008 an dieses Unrecht und  ...

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Emil Epstein

  • Geb. am: 19. August 1875
  • Fakultät: Medizinische Fakultät
  • Kategorie: vertriebene Lehrende

Emil EPSTEIN, geb. am 19. August 1875 in Wien, gest. am 25. Februar 1951 in Wien, war Privatdozent für Pathologie (Allgemeine und Experimentelle Pathologie) an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien.
Er wurde im Nationalsozialismus aus rassistischen Gründen verfolgt und 1938 seines Amtes enthoben ("Venia legendi zurückgelegt") und von der Universität Wien vertrieben.

Epstein, Sohn eines Arztes, besuchte das Realgymnasium im 6. Wiener Gemeindebezirk, studierte anschließend Medizin an der Universität Wien und promovierte 1900 zum Doktor der gesamten Heilkunde. In der Folge war er zwei Jahre an der Klinik Neusser tätig und ging danach an das Institut für pathologische Anatomie (unter Weichselbaum), wo er sich unter dessen Schüler Karl (?) Landsteiner der pathologischen Histologie und Bakteriologie widmete. In diesem Zeitraum baute er zudem ein Privatlaboratorium für medizinische Untersuchungen auf, das er 1906 fertigstellte, wobei er im gleichen Jahr auch seinen Dienst als Volontär am Universitätslaboratorium unter Ernst Ludwig antrat.

Ab 1908 begann er sich am serotherapteutischen Institut (unter Richard Paltauf) verstärkt mit Serologie und Bakteriologie zu beschäftigen und führte 1909 an der Prosektur der Rudolfsstiftung serologische Untersuchungen auf Syphilis (Wassermannsche Reaktion) durch. Diese sollte er bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges fortsetzen. Von 1914 bis 1915 leistete er Kriegsdienst als Arzt des Malteserordens, 1915-1919 an der Prosektur des Franz-Joseph-Spitals als Prosekturadjunkt. Dort intensivierte er seine bakteriologischen Arbeiten, während er auch auf pathologisch-anatomischem und histologischem Gebiet Kenntnisse erwarb. Anschließend leitete er die serodiagnostischen Untersuchungsstellen der Prosekturen des Franz-Joseph-Spitals und des Rudolf-Spitals.

Im Jahr darauf erfolgte außerdem seine Bestellung zum Facharzt für praktisch-medizinische Laboruntersuchungen im Bereich der Staatseisenbahndirektion Wien.

Indessen habilitierte er sich im März 1926 an der Universität Wien für allgemeine Pathologie mit besonderer Berücksichtigung der Serologie.

Seine wissenschaftliche Laufbahn an der Universität Wien endete 1938 mit dem "Anschluss" Österreichs an NS-Deutschland, da Epsteins Vater – obwohl er in die evangelische Kirche eingetreten war – gemäß NS-Rassendoktrin als Jude galt. Als Sohn eines "jüdischen" Vaters und einer "arischen" Mutter war Epstein nun "Mischling 1. Grades".

Von der ersten Entlassungswelle blieb er noch verschont, wobei der Betreffende angesichts der drohenden Maßregelung ein Ausnahmegesuch an den "Stellvertreter des Führers" richtete. Dieses wiederum ist von höchster Brisanz und zeichnet das Bild eines zumindest stark mit dem Regime Sympathisierenden. Epstein behauptete, „ausschliesslich in nationalen Kreisen“ verkehrt zu haben und u. a. „Verkehrsgast der Burschenschaft Alemania [im Original jeweils unterstrichen, Anm.] Wien [...] und des Wiener akademischen Gesangsvereines später Ghibellinia“ gewesen zu sein. Weiters rühmte er sich einer 30jährigen "persönlichen Verbindung" " mit dem Reichsratsabgeordneten Franz Stein (im Original unterstrichen, Anm.), dem Eigentümer und Herausgeber der Schönerianischen Zeitschrift ‚Der Hammer’ und der Beilage des ‚Bismarcktreuen Alldeutschen Blattes". Gemeinsam mit Stein und dem Grafen Julius Apponyi habe er 1918 „an dem Zustandekommen eines deutschmagyarischen Abkommens gearbeitet, das die schärfste Bekämpfung des von Kaiser Karl befolgten jüdisch-clerikalslawischen anti-deutsche [sic!] und antimagyarischen Kurses zum Ziele hatte“. Auch habe er, Epstein, 1919 in einem Artikel des "Alldeutschen Tagblattes" "auf die Geschäftsverbindungen des Hauses Habsburg unter Kaiser Franz Josef mit dem jüdischen Grosskapital und die hochverräterischen Umtriebe Karls und Zitas hingewiesen“. Zur Untermauerung dieser Fakten nannte er nicht nur eine Anzahl an Zeugen, Epstein verwies auch auf seine Mitgliedschaft in der "grossdeutschen Volkspartei und nach deren Auflösung" im "grossdeutschen Volksbund für Wien und Niederösterreich". Unter den angeführten NSDAP- wie auch SA- und SS-Mitgliedern, denen er in der "Verbotszeit" geholfen habe, sticht v. a. ein Name hervor: jener Rudolf Dertils, der 1933 ein Attentat auf Engelbert Dollfuß ausgeübt hatte. Epstein, der offenbar mit Deritls Vater befreundet war, behauptete, diesen nach der Haftentlassung aufgenommen und ihm bei der Ausreise nach NS-Deutschland geholfen zu haben. Davon abgesehen habe er auch einem anderen (illegalen) NSDAP-Mitglied zu Sommeranstellungen verholfen, nachdem dieser "wegen eines gegen das jüdische Kaufhaus A, Gerngross [sic!] in Wien gerichteten Tränengasangriffes zu einer mehrmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt und berufsausgesperrt worden war". Einer der angeführten "Entlastungszeugen" war im Übrigen Hermann Karl Barrenscheen,  ab 1939 Ordinarius für physiologische Chemie an der Universität Wien, "der [s]ein Wirken für den deutschnationalen Gedanken seit [s]einer Studentenzeit bis zum heutigen Tage kenn[e] und zu bezeugen bereit [sei]".  Die im Schreiben angeführten Beilagen – Bescheinigungen von Alois Thaler (Sprecher der NS-Ärzteschaft in Badgastein), Kurt von Tayenthal (kommissarischer Leiter des Vereins deutscher Chemiker für die Ostmark) und Barrenscheen  – finden sich im Akt leider nicht (mehr). Aufgrund der zahlreich angeführten Belege und Zeugen bzw. Parteigenossen sind die Angaben Epsteins aber zumindest zu einem hohen Grad als authentisch zu werten. Abgesehen davon stellte auch Arthur Marchet, Dozentenbundführer an der Universität Wien, Epstein ein positives Zeugnis aus: Er habe sich "immer einwandfrei benommen" und sei "nie als ein Verteidiger des abgetretene [sic!] Systems aufgetreten“.

Gleichwohl reichte das angesichts des dominanten Stellenwerts der "Rassenfrage" im NS-Regime nicht für eine weitere Lehrtätigkeit: Das Ministerium legte Epstein einen Monat später nahe, aus "rassischen" Gründen auf seine venia zu verzichten. Dieser folgte der Aufforderung  mit der Bitte, "die Kenntnisnahme dieser Verzichtserklärung bis zur Erledigung dieses Gesuches [des oben angeführten an den Stellvertreter des Führers, Anm.] in Schwebe [zu] lassen". Ein Aktenvermerk lässt aber darauf schließen, dass das Ministerium diesem Anliegen aber nicht nachkam.

Seine Tätigkeiten am Franz-Joseph-Spital und am Rudolf-Spital konnte er allerdings weiter ausüben. In einem Beurteilungsblatt vom 7. August 1950 ist auch nichts von einer Unterbrechung dieser Anstellungen vermerkt.  Allerdings befindet sich im Bestand "Berufsbeamtenverordnung" des Österreichischen Staatsarchivs Schreiben des Staatskommissars beim Reichsstatthalter, Otto Wächter, wonach Epstein gemäß § 7 Abs. 1 und § 3 Abs. 1 [d. h. aus "rassischen" Gründen, Anm.] per Ende Dezember 1939 gekündigt wurde und "eine Abfertigung in der Höhe des Dreifachen des letzten Monatsentgeltes" erhielt. Dem Ansuchen um ausnahmsweise weitere Belassung, so heißt, werde nicht stattgegeben. Die Angaben im Reichsärzteregister zeugen ebenso von einer Kündigung, da er als Allgemeinpraktiker (1939 niedergelassen) und Leiter am Medizinischen Laboratorium Wien ausgewiesen ist. Wie lange er diese Funktionen – er stand zum Zeitpunkt des "Anschlusses" bereits im 63. Lebensjahr – noch ausübte, ist allerdings unklar.

Nach Kriegsende kehrte er als "rassisch" Geschädigter wieder an die Universität Wien zurück und erhielt im September 1950 den Titel eines ao. Prof. verliehen. Die "erlittene[n] politische[n] Schädigung" war ein Argument für die Auszeichnung gewesen. Im Übrigen leitete Epstein zu diesem Zeitpunkt auch noch sein Laboratorium für medizinisch-chemische Untersuchungen. Im Jahr darauf verstarb er in Wien.

Epstein legte insgesamt 80 Arbeiten aus den Bereichen Serologie, Immunbiologie, Bakteriologie und Pathologie wie auch Pathochemie der Lipoidstoffwechselerkrankungen vor. Er galt insbesondere auf den Gebieten Theorie und Serologie der Syphilis und der Pathologie und Pathochemie der Lipoidstoffwechselkrankheiten als anerkannter Experte.

Er war Mitglied der Gesellschaft der Ärzte in Wien, der Vereinigung deutscher Pathologen, der Mikrobiologischen Gesellschaft in Wien, der Biologischen Gesellschaft in Wien, der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte und der deutschen Kolloid-Gesellschaft.

Lit.: Bundesarchiv Berlin: Reichsärzteregister; Österreichisches Staatsarchiv: AdR, Personalakt, AVA, Personalakt; Archiv der Universität Wien: GZ 677 ex 1937/38; Poggendorff, Handwörterbuch exakte Naturwiss., 7a, Teil 1, 1956; Kürschners deutscher Gelehrtenkalender Jg. 5, 1935; MERINSKY 1980, 49-49a; UB MedUni Wien/van Swieten Blog.

Herbert Posch, Andreas Huber

 

 

 




zuletzt aktualisiert am 01.11.2018

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