Präambel

An der Universität Wien wurden im Jahr 1938, mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus über 2.700 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität entlassen und in der Folge vertrieben und/oder ermordet - Lehrende, Studierende und MitarbeiterInnen der Verwaltung, des weiteren wurde über 200 Personen der akademische Grad aberkannt. 70 Jahre nach dem sogenannten "Anschluß" und der Pogromnacht (zynisch: "Reichskristallnacht") erinnert die Universität Wien 2008 an dieses Unrecht und  ...

Hans Abels

  • Geb. am: 18. Februar 1873
  • Fakultät: Medizinische Fakultät
  • Kategorie: vertriebene Lehrende

Hans ABELS, geb. am 18. Februar 1873 in Wien, war Privatdozent für Kinderheilkunde an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien.

Er wurde im Nationalsozialismus aus rassistischen Gründen verfolgt und am 22. April 1938 seines Amtes enthoben, seine Venia legendi wurde widerrufen und er von der Universität Wien vertrieben.


Hans Abels (bis 1902: Abeles), Sohn von Bernhard Abeles und Anna Abeles, geb. Kassowitz, hatte am Gymnasium in Meran am 25. Juni 1891 maturiert, begann dann 1892 sein Medizinstudium an der Universität Wien wo er am 27. Juli 1897 zum "Dr.med.univ." promoviert. Er war anschließend an verschiedenen Einrichtungen klinisch tätig, u.a. am Kinderinstitut von Max Kassowitz in Wien.
Ab 1898 arbeitete er für vier Jahre als Sekundararzt am Karolinen-Kinderspital und ab 1909 als Kinderarzt am Entbindungsheim des Genossenschaftskrankenhauses (Wiener Frauenhospiz) und wohnte ab 1905 in Wien 18, Sternwartestraße 33, wo er auch eine Kinderarztpraxis betrieb.

Zwischenzeitlich war er auch als Schiffsarzt des österreichischen Lloyd tätig  und unternahm 1903 bis 1904 eine Reise durch Afrika, Indien und Japan und beschäftigte sich mit tropischen Infektions- und Ernährungskrankheiten bei Kindern.
Er war im Herbst 1907 auf Vorschlag von Dr. Federn auch kurzfristig Mitglied der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft von Sigmund Freud, dessen Vorlesung im WS 1907/08 er auch als einer von nur vier Hörer*innen besuchte (Freud stellte damals die Ideen zur Traumdeutung vor). Er war auch Abteilungsvorstand im Mariahilfer Ambulatorium und Mitglied der Gesellschaft der Ärzte in Wien. Im Ersten Weltkrieg war er wieder für drei Jahre am Karolinen-Kinderspital tätig und erhielt das Ehrenzeichen des Roten Kreuzes mit der Kriegsdekoration.

Er habilitierte sich 1925, bereits 52jährig, mit einer Arbeit über "Die skorbutische Dysergie" an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien und wurde Privatdozent für Kinderheilkunde.

Sein wissenschaftliches Werk umfasst zahlreiche Publikationen, u.a.: Über Nachempfindungen im Gebiete des kinästhetischen und statischen Sinnes: Ein Beitrag zur Lehre vom Bewegungsschwindel (Drehschwindel). Zeitschrift für Psychologie, 1907, Bd. 43; Über Harnblasenerkrankungen bei kleinen Mädchen durch bisher nicht beachtete Fremdkörper. Wiener klinische Wochenschrift 1912, 46, 1833-1835; Über die Rolle der Infekte beim Skorbut der Kinder und Säuglinge (Möller-Barlowsche Krankheit). Medizinische Klinik 1919, 15, 1084-1086; Über Hemmungsbildungen an einem Neugeborenen durch Röntgeneinwirkungen in früher Fötalperiode. Wien 1924; Geburtsgewicht und Ernährung der Mutter. Medizinische Klinik. 1925, 7, 234-237; Über die Entstehung des Symptombildes bei Magenkrankheiten. Wiener klinische Rundschau 1925, 38, 1027-1030; Wachstumsschmerzen. Wiener klinische Wochenschrift 1936, 86, 736f.; Über die Entstehungsweise des sogenannten angeborenen Schiefhalses, seine konstitutions- und erbpathologische Beziehungen: die unmittelbaren Entstehungsbedingungen. Annales Paediatrici. 1938, 152, 4-34.

Er hatte 1934 in der Synagoge in Wien-Brigittenau die 33 Jahre jüngere Ärztin Dr.med. Else Löwenhek (geb. 23. Mai 1906 in Wien, promoviert am 15. Juni 1932 an der Universität Wien) geheiratet und verlor 1938 nicht nur seine Anstellung und Praxis, sondern auch seine Wohnung und musste Anfang November 1938 bis Mai 1939 nach Wien 19., Dionysius-Andrassy-Straße 1/6/7 umziehen und bis er im Juli 1939 endlich ausreisen konnte nochmals nach Wien 18., Währinger Straße 123/8.

Er reiste am 3. Juli 1939 mit seiner Frau Else nach London, Großbritannien, aus und sie waren dann einige Monate in Oxford. Es gelang ihnen am 27. November 1939 in London US-Visa zu erhalten und sie emigrierten am 23. Dezember 1939 von Liverpool aus mit der SS Georgic in die USA, wo sie am 3. Jänner 1940 in New York ankamen. Als nächste Angehörige gab er seine Schwester "Liza" (Fanny Luise) Abels an (1882-1942, pensionierte Mittelschulprofessorin in Wien 18, wurde 1942 von Wien nach Riga deportiert und ermordet), als Kontaktperson in den USA seine Schwiegermutter, Mrs. Löwenhek/Lowenback, die bereits in Brooklyn lebte.

Dr. Hans Abels, der bei der Ankunft in New York bereits 67 Jahre alt war starb nach einigen Jahren - es gibt in der Literatur verschiedene Angaben zwischen November 1942 und Juli 1946 – am 26. November 1942 im Mount Sinai Hospital in Manhattan, New York, NY/USA und wurde am 28. November 1942 am Fresh Pond Crematory in Queens, New York, NY/USA bestattet.

Seine Witwe Else Abels erhielt 1945 die US-Staatsbürgerschaft und lebte und arbeitete weiter als Ärztin im Staat bzw. der Stadt New York. Sie heiratete in den späten 1960er Jahren den Musiker Carl Ziegler (1904-1981). Else A. Ziegler starb am 14. August 1995 und wurde im Mount Hebron Cemetery in Queens begraben.

Im Zuge der NS-Kunstraub-Aufarbeitung wurden 2007 42 ethnographische Objekte aus seinem Besitz im Wiener Völkerkundemuseum (Weltmuseum) identifiziert und an seine Erb*innen restituiert: Der Restitutionsbescheid vom 1. Juni 2007 hielt fest: "Dr. Hans Abels und seine Gattin Else wurden von den NS-Machthabern wegen ihrer Abstammung verfolgt und mussten im Juli 1939 auswandern. Bereits am 25. Oktober 1938 hatte Dr. Abels dem Museum für Völkerkunde die ethnographischen Objekte 'als Spende' übergeben. Vermutlich hatte er diese auf seinen Reisen als Schiffsarzt aufgesammelt. Sie sind bis auf eines noch heute im Depot des Völkerkundemuseums vorhanden.
Unter Berücksichtigung des dargestellten Sachverhaltes kann kein Zweifel daran bestehen, dass diese Schenkung […] nichtig war. Es ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass die geschenkten Objekte rückzustellen gewesen wären."


Lit.: Archiv der Universität Wien/Senat S 304.3, MED PA 948, PromProt MED 1929-1941 M13 Nr. 818; Österreichisches Staatsarchiv/AdR/06 Finanzen/Vermögensverkehrsstelle/VA 30575 Hans ABELS; Wiener Stadt- und Landesarchiv/Historisches Meldearchiv; FISCHER 1938; MÜHLBERGER 1993, 18; MERINSKY 1980, 1-2;  UB MedUni Wien/van Swieten Blog; FISCHER und VOSWINCKEL, Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte der letzten fünfzig Jahre, Bd. 3, S. 5f. (A 740/3); Elke MÜHLLEITNER, Biographisches Lexikon der Psychoanalyse, 1992; FEIKES 1999; BLUMESBERGER 2002, 2-3; Gabriele ANDERL, Provenienzforschung am Museum für Völkerkunde Wien, in: Archiv für Völkerkunde 59–60, 2009, 29–31; Christine DIERCKS bei psyalpha.net 2012; REITER-ZATLOUKAL/SAUER 2021; Passagierlisten-Datenbank Ellis Island; www.genteam.at; www.findagrave.com; freundlicher Hinweis von Mag. Emmanuel Maria Dammerer, Wien 10/2020 und von Dr.in Barbara Sauer, Wien 10/2020.


Herbert Posch


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zuletzt aktualisiert am 08.10.2020

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