Präambel

An der Universität Wien wurden im Jahr 1938, mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus über 2.700 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität entlassen und in der Folge vertrieben und/oder ermordet - Lehrende, Studierende und MitarbeiterInnen der Verwaltung, des weiteren wurde über 200 Personen der akademische Grad aberkannt. 70 Jahre nach dem sogenannten "Anschluß" und der Pogromnacht (zynisch: "Reichskristallnacht") erinnert die Universität Wien 2008 an dieses Unrecht und  ...

person

Erwin Hahn

  • Geb. am: 09. November 1917
  • Fakultät: Medizinische Fakultät
  • Kategorie: vertriebene Studierende

Erwin HAHN, geb. am 9. November 1917 in Stockerau/Niederösterreich (dort heimatberechtigt, Staatsbürgerschaft: Österreich), Sohn von Hermann Hahn (Kaufmann in Stockerau), wohnte in Stockerau/Niederösterreich, Prager Straße 21, war zuletzt im Sommersemester 1938 an der Medizinischen Fakultät im 5. Studiensemester inskribiert wobei ihm dieses Semester "wegen mangelnder Frequenz" nicht mehr angerechnet wurde.

Er wurde im Nationalsozialismus nach dem "Anschluss" aus rassistischen Gründen gezwungen, das Studium abzubrechen und die Universität Wien zu verlassen (Abgangszeugnis vom 15. Juli 1938).

Erwin Hahn konnte Anfang Dezember 1938 illegal mit einem Donauschiff bis ans Schwarze Meer und über Konstantinopel nach Tel Aviv in Palästina [Israel] emigrieren, wo er Ende Dezember 1938 ankam. In Wiener Melderegister wurde er mit 2. Dezember 1938 von Wien 2., Kleine Sperlgasse 1/37 nach Palästina abgemeldet.
Das Geschäft der Eltern – Adeline (Lina) Hahn, geb. Scheuer (1881-1941) und Hermann Hahn (1882-1941) – in Stockerau war enteignet ("arisiert") wurden, ihre Wohnung entzogen, sie waren nach Wien zwangsumquartiert worden und wurden am 19. Oktober 1941 von Wien 2, Weintraubengasse 19/16 nach Lódż/Litzmannstadt deportiert und dort später ermordet. Seine Schwester Erna Hahn konnte mit einem domestic-permit als Dienstmädchen nach Großbritannien emigrieren und heiratete in England Richard Burnett – sie lebte bis zu ihrem Tod in London.

In Tel Aviv lernte Erwin Hahn hebräisch, arbeitete erst in den Orangenplantagen, später im Strassenbau - eine Fortsetzung des Medizinstudiums war nicht möglich, aber ab 1939 konnte er als Sanitäter in einem Krankenhaus arbeiten, meldete sich schließlich zur britischen Army und konnte im Medical Corps arbeiten, aufgrund einen Tuberkuloseerkrankung wurde er aber bald entlassen und arbeitete nach seiner Genesung in einem medizinischen Laboratorium wo er auch seine Frau Margarethe [Margalit] Pardo (geb. 26. November 1920) kennen lernte, die er am 15. September 1942 heiratete. Mit ihr kehrte er Ende April 1947 über die Tschechoslowakei noch einmal nach Wien zurück um sein zwangsweise abgebrochenes Medizinstudium wieder aufzunehmen. In Israel gab es noch keine eigene Medizinisch-universitäre Ausbildung, ein Studium an einer anderen Universität im Ausland von vorne zu beginnen war ihm weder zeitlich noch finanziell möglich. Die ersten fünf regulären Semester – und nachträglich doch auch noch das 1938 verweigerte Sommersemester - wurde ihm dabei angerechnet. In Stockerau waren alle Spuren der Familie getilgt, ein Antrag auf Restitution blieb erfolglos, Erwin Hahn und seine Frau wohnten damals in Wien 6., Gumpendorferstraße 80/1. Unmittelbar nach Studienabschluss und der Promotion zum "Dr. med. univ." am 23. März 1950 kehrte er endgültig nach Israel zurück.

Erwin Hahn arbeitete in Israel den größten Teil seines Lebens als Arzt im Afula Hospital und lebte mit seiner Familie in Haifa. Gemeinsam mit seiner Frau Margalit hatte er zwei Kinder. Auch seine Tochter Shlomit studierte Medizin und wurde Ärztin in Israel ebenso wie auch deren Tochter Goni. Sein Sohn wanderte von Israel nach Australien aus, seine Kinder kehrten aber wieder nach Israel zurück.


Lit.: Archiv der Universität Wien/Medizinische Fakultät: Nationale 1936-1938 und 1947-1949; Promotionsprotokoll MED 1949-1954, Nr 2577; POSCH/INGRISCH/DRESSEL 2008, 399; KNIGHT 2017, 84; REITER-ZATLOUKAL/SAUER 2021; DÖW-Opferdatenbank NS; freundlicher Hinweis von Dr.in Barbara Sauer, Wien 03/2019, von seiner Tochter Dr. Shlomit Katz, Israel 01/2021, und von seiner Enkelin Ruth Hahn, Israel 01/2021.


Herbert Posch


Dokumente

Nationale von Erwin Hahn, Sommersemester 1938 (1. Formular Vorderseite), Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Erwin Hahn, Sommersem...
Nationale von Erwin Hahn, Sommersemester 1938 (1. Formular Vorderseite), Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Erwin Hahn, Sommersem...
Nationale von Erwin Hahn, Wintersemester 1937/38 (1. Formular Vorderseite), Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Erwin Hahn, Wintersem...
Nationale von Erwin Hahn, Wintersemester 1937/38 (1. Formular Vorderseite), Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Erwin Hahn, Wintersem...
Nationale von Erwin Hahn, Wintersemester 1937/38 (1. Formular Vorderseite), Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Erwin Hahn, Wintersem...
Nationale von Erwin Hahn, Wintersemester 1937/38 (1. Formular Vorderseite), Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Erwin Hahn, Wintersem...
Erwin Hahn, Promotionprotokoll Medizinische Fakultät 1950 (c) Archiv Universität WienErwin Hahn, Promotionprotokoll Medi...
Erwin Hahn, Anfang 1940er (c) Ruth Hahn, IsraelErwin Hahn, Anfang 1940er (c) Ruth ...
Erwin Hahn, (c) Ruth Hahn, IsraelErwin Hahn, (c) Ruth Hahn, Israel...



zuletzt aktualisiert am 26.01.2021

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