Präambel

An der Universität Wien wurden im Jahr 1938, mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus über 2.700 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität entlassen und in der Folge vertrieben und/oder ermordet - Lehrende, Studierende und MitarbeiterInnen der Verwaltung, des weiteren wurde über 200 Personen der akademische Grad aberkannt. 70 Jahre nach dem sogenannten "Anschluß" und der Pogromnacht (zynisch: "Reichskristallnacht") erinnert die Universität Wien 2008 an dieses Unrecht und  ...

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Kurt Geiger

  • Geb. am: 11. März 1915
  • Fakultät: Medizinische Fakultät
  • Kategorie: vertriebene Studierende

Kurt GEIGER, geb. am 11. März 1915 in Wien (heimatberechtigt in Wien, Staatsbürgerschaft: Österreich), Sohn von Eugen/Jenö Geiger (Kaufmann, Vorhanggeschäft) und seiner Frau Elsa, geb. Glaser (geb. 25. April 1888 in Wien), wohnte in Wien 9, Grundlgasse 5/3 (Ecke Alserbachstraße 39) und hatte 1933 am Bundesgymnasium Wien 9, Wasagasse maturiert und begann im Wintersemester 1933/34 sein Medizinstudium an der Universität Wien. Er war zuletzt im Sommersemester 1938 an der Medizinischen Fakultät im 9. Studiensemester inskribiert (Abgangszeugnis vom 18. Mai 1938).

Er musste aus rassistischen Gründen die Universität Wien verlassen, ohne sein fast fertiges Studium abschließen zu können. Er musste aus Wien flüchten. Kurz davor heiratete er am 19. Mai 1938 noch in Wien (Landstraße) die aus Böhmen stammende Olga Trenschiner, geb. Hochwald und sie emigrierten gemeinsam nach Australien und erreichten Melbourne am 31. August 1938. Seine in Wien bleibende Mutter wurde später nach Ungarn deportiert und in das KZ Ausschwitz überstellt und ermordet. Sein Bruder Julius konnte nach Großbritannien emigrieren.

Kurt Geiger konnte unter den Bedingungen der Emigration in Australien sein fast fertiges Studium nicht wieder aufnehmen und abschließen. Er wurde ein sehr erfolgreicher Kaufmann und gründete gemeinsam mit seiner Frau ein Taschen- und Schuhgeschäft in der Collins Street: K. O. Geiger Pty Ltd und verkaufte vorerst importierte Handtaschen. Er arbeitete die ersten beiden Jahre nebenbei auch als Schaufensterdekorateur für einen Juwelier, während seine Frau das Schuhgeschäft leitete. Als die Geigers den Vorteil des Verkaufs passender Handtaschen und Schuhe erkannten, gründeten sie 1941 Mascot Shoes Pty Ltd und eröffneten ihr erstes Geschäft in der Degraves Street.

Kurt und Olga Geiger hatten drei Töchter und wurden am 22. Juni 1944 in Australien eingebürgert. 1945 reiste Kurt Geiger durch Großbritannien und Nordamerika, um mehr über den Handel und den Verkauf von Schuhen im Auftrag zu erfahren. Als er mit einer Lizenz von einer großen englischen Firma zurückkam, kaufte er 1951 eine Schuhfabrik und verbesserte sowohl den Maschinenpark als auch die Handwerkskunst. Drei Jahre später besaß er sieben Verkaufsstellen; 1957 hatte er fünfhundert Angestellte.

Geiger war ein Mann mit gutem Geschmack, gepflegt und modisch gekleidet in englischen Anzügen. Er war Vorsitzender des Museum of Modern Art of Australia (1959-60) und Direktor der Nationaltheater of Australia Ltd. Er war auch Mitglied des Victoria Racing und des Victoria Amateur Turf Clubs. 1955 hatten sich Geiger Holdings Pty Ltd und seine Tochtergesellschaften mit Melbournes ältestem Einzelhandelsunternehmen, Hicks Atkinson Pty Ltd, zusammengeschlossen. Geiger wurde zum Geschäftsführer ernannt. 1958 wurde die Firma von Reid Murray Holdings Ltd übernommen und Geiger wurde Direktor von Reid Murray. Ab 1960 verkaufte er den größten Teil seiner R.M.H. Aktien (und die seiner Frau), was zu einer Konfrontation mit dem Vorsitzenden des Unternehmens, Robert Reid, führte, die zu Geigers Rücktritt aus dem Vorstand im April 1962 führte. Die Geigers verließen Australien im September 1963 in Richtung Großbritannien, kurz vor dem Zusammenbruch von Reid Murray.

Im April 1964 eröffneten sie einen Schuhsalon in der New Bond Street in London. Olga kehrte 1967 nach Melbourne zurück und eröffnete einen eigenen Handtaschenladen in der Collins Street, starb aber bald darauf am 9. März 1969 in Toorak.

Am 31. August 1971 heiratete Geiger in Westminster, London, in zweiter Ehe die Beraterin Irmgard Steinberg und starb kaum ein Jahr später am 8. August 1972 in Westminster. "Kurt Geiger" Schuhe sind bis heute eine sehr erfolgreiche Marke in Großbritannien und den USA.

Seine Cousins waren Matthias und Josef Gerö, wobei Dr. Josef Gerö 1938 für 10 Monate im Konzentrationslager Dachau inhaftiert war und 1942 sein Doktorgrad von der Universität Wien aus rassistischen Gründen aberkannt wurde. 1945 war er der erste österreichische Justizminister nach 1945, Präsident des Österreichischen Olympischen Kommitees und des Österreichischen Fußballbundes.


Lit.: Archiv der Universität Wien, Nationale MED 1933-1938; freundlicher Hinweis von Großcousine Dr. Josephine Schwarz-Gerö, Wien und Tochter Susie Picton, GB, 02/2019; Australian Dictionary of Biography, Bd. 14, 1996.

Herbert Posch


Dokumente

Nationale von Kurt Geiger, Sommersemester 1938 (1. Formular Vorderseite), Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Kurt Geiger, Sommerse...
Nationale von Kurt Geiger, Sommersemester 1938 (1. Formular Vorderseite), Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Kurt Geiger, Sommerse...
Nationale von Kurt Geiger, Wintersemester 1937/38 (1. Formular Vorderseite), Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Kurt Geiger, Winterse...
Nationale von Kurt Geiger, Wintersemester 1937/38 (1. Formular Vorderseite), Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Kurt Geiger, Winterse...
Kurt und Olga Geiger, 1960er, © Susie Picton, GBKurt und Olga Geiger, 1960er, © Su...
Kurt und Tochter Susie Geiger, 1960er, © Susie Picton, GBKurt und Tochter Susie Geiger, 1960...



zuletzt aktualisiert am 21.05.2019

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