Präambel

An der Universität Wien wurden im Jahr 1938, mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus über 2.700 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität entlassen und in der Folge vertrieben und/oder ermordet - Lehrende, Studierende und MitarbeiterInnen der Verwaltung, des weiteren wurde über 200 Personen der akademische Grad aberkannt. 70 Jahre nach dem sogenannten "Anschluß" und der Pogromnacht (zynisch: "Reichskristallnacht") erinnert die Universität Wien 2008 an dieses Unrecht und  ...

person

Heinz Röhr [Sir Henry Peter Rowe]

  • Geb. am: 18. August 1916
  • Fakultät: Juridische Fakultät
  • Kategorie: vertriebene Studierende

Heinz RÖHR [später: Sir Henry Peter ROWE, KCB, QC], geb. am 18. August 1916 in Bad Ischl/Oberösterreich (heimatberechtigt in Wien, Staatsbürgerschaft: Österreich), als dritter Sohn des tschechisch-österreichischen Rechtsanwalts Dr. Richard Röhr (1878-1943) und Olga Röhr (geb. Schnabl), wohnte in Wien 6, Königseggasse 11. Nach der Matura 1935 begann er an der Universität Wien Rechtswissenschaften zu studieren und war zuletzt im Sommersemester 1938 an der Juridischen Fakultät im 6. Studiensemester inskribiert.

Er wurde im Nationalsozialismus nach dem "Anschluss" aus rassistischen Gründen gezwungen, das Studium abzubrechen und die Universität Wien zu verlassen.

Er und seine Familie mussten aus Wien fliehen um der nationalsozialistischen Verfolgung zu entkommen. Sein Vater war seit 1910 in Wien als Rechtsanwalt niedergelassen mit einer eigenen Rechtsanwaltskanzlei in Wien 6, Mariahilfer Straße 69 (er war auch beeideter Dolmetsch für die tschechische Sprache und Disziplinarrat der Wiener Rechtsanwaltskammer). Er wurde aus rassistischen Gründen im Juli 1938 aus der Rechtsanwaltsliste gestrichen, musste die Kanzlei aufgeben und meldet sich noch im Juli 1938 aus Wien nach Prag ab.
Sein älterer Bruder Hans Erich Röhr (später Rohr), geb. 1911 in Wien, konnte 1941 über Marocco in die USA emigrieren und lebte dann – wie die Mutter - in New Rochelle/USA. Sein älterer Bruder Kurt Herbert Röhr (geb. 1914 in Wien) und ein Zwillingsbruder Franz Josef (später: Franz Joseph Rohr, geb. 1916 in Bad Ischl) konnte ebenfalls in die USA emigrieren wo er lebte und arbeitete und 2005 starb.

Obwohl die gesamte restliche Familie in die USA emigrierte und auch Heinz ein Platz zum Weiterstudium an der Harvard-University angeboten wurde, folgte er dem Vorschlag seines Studienfreundes und Austauschstudenten Eric Blackall, der inzwischen Tutor am Gonville and Caius College an der britischen Cambridge University war, bewarb sich dort und erhielt einen Studienplatz, um Englisches Recht zu studieren.

Seine überdurchschnittlichen Fähigkeiten wurden dort rasch erkannt und gefördert, doch schon im Mai 1940 musste er das Studium erneut abbrechen, da er nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges als "enemy alien" interniert wurde. Dennoch konnte er in Abwesenheit seine Abschlussprüfungen ablegen und wurde mit erstklassiger Auszeichnung promoviert.

Er wurde im Februar 1941 in die Britische Armee eingezogen (aber nicht an der Front eingesetzt) und nach Kriegsende als Stabsfeldwebel und Dolmetscher in die Bildungsabteilung der britischen Militärregierung in Berlin versetzt, wo er an der Entnazifizierung und am Wiederaufbau des deutschen Bildungssystems mitwirkte.

Heinz Röhr wurde Anfang 1947 in Großbritannien als Rechtsanwalt zugelassen und trat bereits im Mai 1947 in das parlamentarische Legistikbüro ein, das damals sehr ausgeweitet wurde um die geplante umfangreichen Gesetzgebungsprogramme der Labour-Regierung zu bewältigen. Heinz Röhr wurde am 27. Mai 1947 britischer Staatsbürger, änderte am 3. Oktober den Namen in Henry Peter Rowe und heiratete am 14. November Patricia Rowe, née King (1922-2004) und die beiden hatten drei Kinder: Angela, Michael und Larry.

Henry Rowe arbeitete an der Unabhängigkeitsverfassung von Malaysia ebenso mit wie an britischen Gesetzen wie dem Licensing Act 1961, dem Rent Act 1965, dem Scotland Act 1978, dem Wales Act 1978 und dem Housing Act 1980 und entwarf auch die jährlichen Finanzgesetze von 1971 bis 1975 (inkl. der Einführung der Mehrwertsteuer in GB 1972).

1962 wurde er zum Full Counsel befördert, 1971 wurde er zum "CB" (Campanion) und 1978 zum "KCB" (Knight Commander of The Most Honourable Order of the Bath) sowie zum königlichen Berater "QC" (Queen's Counsel) ernannt. Seit 1973 war er Second Parliamentary Counsel und ab 1977 First Parliamentary Counsel. Er ging 1981 in Pension.

Sir Henry Rowe starb 75jährig am 13. Februar 1992 in seinem Haus, 19 Paxton Gardens, Woking, Surrey/Großbritannien.


Lit.: Archiv der Universität Wien/Nationale JUR 1937-1938; POSCH/INGRISCH/DRESSEL 2008, 458; SAUER/REITER-ZATLOUKAL 2010, 285; freundlicher Hinweis von Dr.in Barbara Sauer, Wien 03/2020; wikipedia; www.geni.com; George ENGLE, Rowe, Sir Henry Peter (1916-1992), Oxford Dictionary of National Biography, Oxford University Press, 2004 | doi:10.1093/ref:odnb/51307.


Herbert Posch


Dokumente

Nationale von Heinz Röhr, Wintersemester 1937/38 (1. Formular Vorderseite),  Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Heinz Röhr, Winterse...
Nationale von Heinz Röhr, Wintersemester 1937/38 (1. Formular Rückseite),  Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Heinz Röhr, Winterse...
Nationale von Heinz Röhr, Sommersemester 1938 (1. Formular Vorderseite),  Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Heinz Röhr, Sommerse...
Nationale von Heinz Röhr, Sommersemester 1938 (1. Formular Rückseite),  Foto: H. Posch (c) Universitätsarchiv WienNationale von Heinz Röhr, Sommerse...



zuletzt aktualisiert am 05.08.2020

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