Präambel

An der Universität Wien wurden im Jahr 1938, mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus über 2.700 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität entlassen und in der Folge vertrieben und/oder ermordet - Lehrende, Studierende und MitarbeiterInnen der Verwaltung, des weiteren wurde über 200 Personen der akademische Grad aberkannt. 70 Jahre nach dem sogenannten "Anschluß" und der Pogromnacht (zynisch: "Reichskristallnacht") erinnert die Universität Wien 2008 an dieses Unrecht und  ...

Wilhelm Reich

  • Geb. am: 24. März 1897
  • Fakultät: Medizinische Fakultät
  • Kategorie: Doktorgradaberkennung

Wilhelm REICH, geb. am 24. März 1897 in Dobzau/Galizien [Dobrjanytschi/Ukraine], gest. am 3. November 1957 in Lewisburg, Pennsylvania/USA.Nach der Reifeprüfung rückte er 1915 in die k.u.k. Armee ein und diente während des Ersten Weltkrieges als Offizier an der italienischen Front. Nach seiner Entlassung aus dem Wehrdienst begann er 1918 ein Studium der Medizin an der Universität Wien. 1919 nahm er an einem von StudentInnen geleiteten "Seminar für Sexuologie" teil und wurde 1920 in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen. 1921 initiierte er die Gründung eines „Technischen Seminars“ zum systematischen Training junger Psychoanalytikerlnnen.
Am 10. Juli 1922 promovierte Wilhelm Reich an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien und erwarb den Grad eines Dr. med. Anschließend absolvierte er eine Facharztausbildung an der Universitätsklinik für Psychiatrie und arbeitete als Assistent am neugegründeten Wiener Psychoanalytischen Ambulatorium für Mittellose. Von 1924 bis 1930 war er Leiter des von ihm vorgeschlagenen Seminars für Psychoanalytische Therapie. 
In Weiterentwicklung der Freud'schen Libidotheorie erarbeitete Wilhelm Reich seine Orgasmustheorie, die er 1927 in der in Fachkreisen umstrittenen Publikation "Die Funktion des Orgasmus" veröffentlichte. Darin ging er davon aus, dass alle PatientInnen unter Sexualstörungen litten. Durch therapietechnische Innovationen entwickelte er die körperorientierte Vegetotherapie und schließlich weiter zur Orgontherapie.

Nach dem Brand des Justizpalastes im Juli 1927, den Reich als Augenzeuge miterlebte, begann er sich politisch zu engagieren und  trat zunächst der Sozialdemokratischen Partei bei. Gemeinsam mit der Ärztin Marie Frischauf gründete er die Sozialistische Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung für Arbeiter und Angestellte, die in Sexualberatungsstellen Sexualaufklärung für Jugendliche, Informationen zu Empfängnisverhütung und Geschlechtskrankheiten sowie Beratung bei sexuellen Problemen anbot:
"Im Gegensatz zu Freud, der die Triebunterdrückung für die Kulturentwicklung der menschlichen Gesellschaft als unabdingbar ansah, erkannte Reich darin ein Produkt der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Seiner Theorie zufolge waren sexuelle Störungen zum einen durch äußere Faktoren, wie Wohnungsnot, unzureichende Verbreitung von Verhütungsmitteln, Verbot der Abtreibung und durch die Ehe als institutionalisiertes ökonomisches und sexuelles Herrschaftsinstrument des Mannes über die Frau bedingt. Zum anderen sah er in der bürgerlichen Ideologie mit ihrer repressiven Sexualerziehung eine der Hauptursachen für die Entstehung von seelischen Erkrankungen." (ROTHLÄNDER 2010, 90f)
Wilhelm Reich initiierte ein Komitee revolutionärer sozialdemokratischer Arbeiter, das 1929 massiv gegen die Rückzugspolitik der Sozialdemokratie gegenüber dem wachsenden Faschismus protestierte. Als Folge dessen wurde Reich im Jänner 1930 aus der Sozialdemokratischen Partei ausgeschlossen und trat wenig später in die Kommunistische Partei ein.

Im November 1930 übersiedelte er nach Berlin, wo er seine sexualpolitische Arbeit im Rahmen der KPD fortsetzte und als Lehranalytiker des Berliner Psychoanalytischen Instituts tätig wurde. Auf kommunistischer Basis versuchte er die etwa 80 unterschiedlichsten sexualpolitischen Organisationen zu einem sexualpolitischen "Einheitskongress" zusammenzuschließen, was jedoch letztendlich scheiterte. In Berlin lernte er 1931 auch Karl Motesiczky kennen, mit dem in der Folge eng zusammenarbeitete. Von der KPD sowie von der Berliner Psychoanalytischen Vereinigung wurden die Aktivitäten Reichs zunehmend kritisch betrachtet und letztlich unterbunden.

Im März 1933 – nach der Machtübernahme des Nationalsozialismus in Deutschland – kehrten Wilhelm Reich und Karl Motesiczky zunächst nach Wien zurück. Wegen der politischen Bedrohung durch das austrofaschistische Regime, das gerade in Österreich die Macht übernommen hatte, wählten sie wenig später Ende April 1933 den Weg ins Exil nach Kopenhagen/Dänemark. Aufgrund der Auseinandersetzung mit der Psychoanalytischen Vereinigung erhielt Wilhelm Reich jedoch keine Zulassung als Lehranalytiker.
Gemeinsam mit Motesiczky widmete er sich dem Aufbau von ihm gegründeten Sexpol-Bewegung, auch als sie im Herbst 1934 nach Oslo/Norwegen übersiedelten. Die Sexpol verlor jedoch nach wenigen Jahren als politische Organisation an Bedeutung.

Wilhelm Reich emigrierte 1939 vor Kriegsbeginn in die USA, wo er an der New School for Social Research in New York lehrte.
1940 wurde ihm der Grad aus rassistischen Gründen aberkannt, da er im Nationalsozialismus 'als Jude als eines akademischen Grades einer deutschen Hochschule unwürdig' galt. 

Erst 68 Jahre nach der Aberkennung und sehr lange nach dem Ende des Nationalsozialismus wurde ihm der Doktorgrad 2008 wieder zuerkannt, bzw. die Aberkennung für 'von Anfang an nichtig' erklärt.

Seine Lehren waren und sind heftig umstritten. Zu seinen zahlreichen Werken zählen u.a. "Menschen im Staat." "Die Funktion des Orgasmus" (1927), "Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse" (1929), "Der Einbruch der Sexualmoral" (1932), "Die Massenpsychologie des Faschismus" (1933), "Was ist Klassenbewusstsein?" (1934), "Die Bione" (1938), "The Cancer Biopathy" (1948), "People in Trouble" (1953), "The Murder of Christ" (1953).

2012 produzierte Antonin Svoboda den Spielfilm "Der Fall Wilhelm Reich" über die letzten Lebensjahre Reichs im Exil.


Lit.: Christiane ROTHLÄNDER, Karl Motesiczky 1904 - 1943. Eine biografische Rekonstruktion, Wien u.a. 2010, 79-306.

 

Katharina Kniefacz


Dokumente

Wilhelm Reich: Promotionsprotokoll, Medizinische Fakultät: Promotion am 10. Juli 1922, Nr. 1204, Foto: Katharina Kniefacz (c) Archiv der Universität WienWilhelm Reich: Promotionsprotokoll,...



zuletzt aktualisiert am 23.09.2015

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