Präambel

An der Universität Wien wurden im Jahr 1938, mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus über 2.700 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität entlassen und in der Folge vertrieben und/oder ermordet - Lehrende, Studierende und MitarbeiterInnen der Verwaltung, des weiteren wurde über 200 Personen der akademische Grad aberkannt. 70 Jahre nach dem sogenannten "Anschluß" und der Pogromnacht (zynisch: "Reichskristallnacht") erinnert die Universität Wien 2008 an dieses Unrecht und  ...

person

Sándor (Alexander) Wolf

  • Geb. am: 21. Dezember 1871
  • Fakultät: Philosophische Fakultät
  • Kategorie: vertriebene Studierende

Sándor (Alexander) WOLF, geb. am 21. Dezember 1871 in Eisenstadt/Burgenland (heimatberechtigt in Eisenstadt, Staatsbürgerschaft: Österreich), gest. am 2. Jänner 1946 in Haifa/Israel, wohnte 1938 in Wien 1, Falkestraße 6.
Der Großweinhändler leitete seit 1901 Ausgrabungen um Eisenstadt, betätigte sich als Kunstsammler und Forscher und war zuletzt im Sommersemester 1938 an der Philosophischen Fakultät im 34. Studiensemester als außerordentlicher Hörer inskribiert und belegte Vorlesungen in Kunstgeschichte.
Sándor Wolf entstammte einer vermögenden jüdischen Weinhändlerfamilie - Richard Berczeller bezeichnete sie als die "burgenländischen Rothschilds". Nach einem Besuch der Handelsakademie in Wien und Studienzeit an der Universität Wien trat er in die väterliche Firma ein, die er 1901 gemeinsam mit seinem Bruder übernahm. In Split in Dalmatien kam er in Kontakt mit archäologischen Grabungen und bereits 1902 begann er mit Fachleuten archäologische Ausgrabungen in Eisenstadt und Umgebung durchzuführen. Seine kleine Privatsammlung ergänzte er durch Ankäufe von Antiquitäten, Kunstwerken und Judaica, die seine engere Heimat betrafen. Zudem erwarb er Gegenstände der Volkskunst und Volkskunde aus den Dörfern Westungarns, gotische Schnitzwerke aus Tirol und Teile von Privatsammlungen. 1916-1918 leistete er Kriegsdienst in der k.u.k Armee. Nach den Friedensverträgen 1919/20 wurde das Burgenland mit Eisenstadt von Ungarn an Österreich abgetreten. 1925 wurde Sándor Wolf zum ehrenamtlichen Landeskonservator für das Burgenland ernannt und 1926 war er Mitbegründer des Burgenländischen Landesmuseums. 1930/31 begann er mit der Errichtung eines jüdischen Zentralarchivs für das Burgenland. Zur Präsentation und Zugänglichmachung der Sammlung und der umfangreichen Bibliothek erwarb er mehrere Häuser, die er zu einem Museum mit 26 Räumen umbaute. Von seinen wissenschaftlichen Werken sind 'Das Eisenstädter Ghetto', 'Die Grabinschriften des alten Judenfriedhofes in Eisenstadt' (in Zusammenarbeit mit Bernhard Wachstein) und die Herausgabe der 'Urkunden und Akten zur Geschichte der Juden in Eisenstadt und den Siebengemeinden' hervorzuheben.
Das 'Wolfhaus' war beliebter Treffpunkt zahlreicher Persönlichkeiten, z.B. die Schriftsteller Anton Wildgans, Hugo von Hofmannsthal, Franz Werfel oder Felix Salten und die Musiker Wilhelm Kienzl, Edmund Eysler und Anton v. Webern. [exemplarisch einige Vereine und Gesellschaften, in denen er Mitglied war: Gesellschaft für Sammlung und Konservierung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums, Wien (Jüdisches Museum, Vizepräsident); Verein für jüdische Geschichte und Literatur, Wien; Historische Kommission der israelitischen Kultusgemeinde in Wien; Kuratorium des Soproner Museums; Eranos Vindoboniensis; Jewish Palestine Exploration Society; Verein zum Wiederaufbau Palästinas (Keren Hajesod); Zoologisch-Botanische Gesellschaft; Humanitätsverein "Eintracht" B. B.; Verein für Volkskunde; Verein für Erhaltung der Hofbibliothek; Gesellschaft zur Förderung moderner Kunst; Verein der Museumsfreunde; Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, Berlin; Chemisch-physikalische Gesellschaft; Verein für Geschichte der Stadt Wien; Wissenschaftliche Klub; Verein "Deutsches Vaterland"; Deutsche Verein für Kunstwissenschaft Berlin; Österreichische Gartenbaugesellschaft; "Bereitschaft" der Geographischen Gesellschaft; Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler, Frankfurt/Main; Gesellschaft zur Erhaltung der Talmudthora-Schule, Wien; Deutsche Orientgesellschaft Berlin; Vorderasiatische Gesellschaft, Berlin; Verein zur Erhaltung der Universität Wien und der Staatsgalerie; Neprejzi Társulat, Budapest; Természettudomanyi Társulat, Budapest; Verein zur Verbreitung d. Naturwissenschaften unter den Juden; Verein für Bibliothek in Palästina; Numismatische Gesellschaft, Wien; Prähistorische Gesellschaft, Wien (bis 1923); Anthropologische Gesellschaft, Wien; Verein Niederösterreichische Landeskunde; Verein zur Erhaltung des Uhrenmuseums; Verein für Naturschutz; "Urania"; "Volksheim"; Landesverein für Höhlenkunde in Niederösterreich usw.]

Wolf schloss sich nachdem er bereits in seinem Elternhaus Theodor Herzl kennen gelernt hatte der 'Zionistischen Bewegung' an und unternahm 1923 eine ausgedehnte Reise nach Palästina.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1938 wurde Wolf aus Eisenstadt vertrieben und emigrierte über Triest im Frühjahr 1939 schließlich nach Palästina [Israel], wo er sich bei Haifa niederließ. Seine Sammlung und sein gesamter Besitz wurden von den Nationalsozialisten beschlagnahmt.

1946 starb Sándor Wolf in Haifa.

Seine Sammlung, die neben Kunstobjekten aus dem pannonischen Raum hauptsächlich aus Judaica bestand, wurde mit dem Burgenländischen Landesmuseum vereinigt (ab 1938 namentlich "Landschaftsmuseum Eisenstadt" und in der NS-Zeit geleitet von Richard Pittioni, der nach 1945 Ordinarius für Ur- und Frühgeschichte der Universität Wien wurde, eine Zweigstelle des "Museums des Reichsgaues Niederdonau"). Das Landesmuseum hat 1958 jene Bestände der ehemaligen Wolf-Sammlung, die für das Land von Interesse und von Bedeutung waren, angekauft. Der überwiegende Teil der Wolf-Sammlung ging jedoch 1958 an das Schweizer Auktionshaus Galerie Fischer in Luzern. Von diesem wurden seitens des Landesmuseums im Laufe der folgenden Jahre immer wieder ursprünglich nicht berücksichtigte Bestände der Wolf-Sammlung erworben. Das Österreichische Jüdische Museum in Eisenstadt ist heute in jenem Haus etabliert, das seit 1875 Besitz der Familie Wolf und der Firmensitz der 1790 gegründeten Weinhandlung "Leopold Wolf's Söhne" war.

Die Ausstellung "Ausgegrenzt, Vertrieben, Ermordet" am Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien erinnerte 2010 an Sándor Wolf und 20 weitere ehemalige Kunstgeschichte-Studierende der Universität Wien.

Lit.: Edit BALÁSZ u.a., Jüdische Erinnerungen in der West-Pannonischen EuRegion, Burgenland, Komitate Gyõr-Moson-Sopron, Vas und Zala, (hgg. v. Szombathelyi Magyar-Izraeli Baráti Társaság), Szombathely, 2008; Sabine LICHTENBERGER u. Gert TSCHÖGL, Zur burgenländisch-jüdischen Geschichte, in: Gert Tschögl, Barbara Tobler u. Alfred Lang (Hg.), Vertrieben. Erinnerungen burgenländischer Juden und Jüdinnen. Wien 2004, S. 494-513; Johannes REISS, ... weil man uns die Heimatliebe ausgebläut hat ... . Ein Spaziergang durch die jüdische Geschichte Eisenstadts, Eisenstadt 2001; Shlomo SPITZER, Beiträge zu Geschichte der Juden im Burgenland, Wien 1995; E. BÖHM, Die Wolf-Familie, in: Hugo Gold (Hg.), Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden des Burgenlandes, Tel Aviv 1970, 37-50.; Sammlung Alexander (S.) Wolf, in: Österreichische Kunsttopographie, Band 24, 1932; KNIEFACZ/POSCH 2017a.


Herbert Posch


Dokumente

Nationale von Sándor Wolf, Wintersemester 1937/38 (1. Formular Vorderseite), Foto: H. Posch (c) Archiv der Universität WienNationale von Sándor Wolf, Winters...
Nationale von Sándor Wolf, Wintersemester 1937/38 (1. Formular Rückseite), Foto: H. Posch (c) Archiv der Universität WienNationale von Sándor Wolf, Winters...
Nationale von Sándor Wolf, Sommersemester 1938 (1. Formular Vorderseite), Foto: H. Posch (c) Archiv der Universität WienNationale von Sándor Wolf, Sommers...
Nationale von Sándor Wolf, Sommersemester 1938 (1. Formular Rückseite), Foto: H. Posch (c) Archiv der Universität WienNationale von Sándor Wolf, Sommers...



zuletzt aktualisiert am 11.01.2017

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