Präambel

An der Universität Wien wurden im Jahr 1938, mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus über 2.700 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität entlassen und in der Folge vertrieben und/oder ermordet - Lehrende, Studierende und MitarbeiterInnen der Verwaltung, des weiteren wurde über 200 Personen der akademische Grad aberkannt. 70 Jahre nach dem sogenannten "Anschluß" und der Pogromnacht (zynisch: "Reichskristallnacht") erinnert die Universität Wien 2008 an dieses Unrecht und  ...

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Alexander Pilcz

  • Geb. am: 02. August 1871
  • Fakultät: Medizinische Fakultät
  • Kategorie: vertriebene Lehrende

Alexander PILCZ, geb. am 2. August 1871 in Graz, gest. am 30. Jänner 1954 in Wien, war ao. Professor für Psychologie und Neurologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien.
Er wurde im Nationalsozialismus aus "politischen" und "rassischen" Gründen verfolgt und am 22. April 1938 seines Amtes enthoben und von der Universität Wien vertrieben.

Pilcz besuchte das k. k. Staatsgymnasium in Wien 9. (Wasagasse) und inskribierte 1889 an der Universität Wien, wo er Medizin studierte und 1895 zum Doktor der gesamten Heilkunde promovierte. Anschließend war er als Assistent an der Medizinischen Klinik unter Edmund von Neusser sowie am Neurologischen Institut unter Heinrich Obersteiner tätig. Ab 1896 Assistent an der sogenannten Niederösterreichischen Landesirrenanstalt Wien (unter Adalbert Tilkowsky), war er ab 1898 Schüler und langjähriger Assistent von Julius Wagner-Jauregg an der I. psychiatrischen Klinik. An dieser fungierte er ab 1902 als supplierender Leiter, zumal sein Lehrer die Leitung der II. Psychiatrischen Klinik übernahm. Im gleichen Jahr habilitierte er sich mit der Arbeit "Periodische Geistesstörungen" an der Universität Wien für Psychiatrie und Neurologie. 1907 erhielt er den Titel eines Extraordinarius und war nun – bis Ende 1909 – Primarius des Sanatoriums an der niederösterreichischen Landes-Heil- und Pflegeanstalt "Am Steinhof" in Wien.

Im Ersten Weltkrieg war er von 1914 bis 1917 Chefarzt der psychiatrisch-neurologischen Abteilung im Garnisonsspital in Wien und zugleich Referent des Militärsanitätskomitees in Wien, wobei er danach bzw. bis Kriegsende ausschließlich als Referent tätig war. Der nächste Aufstieg in der universitären Hierarchie erfolgte 1921 mit der Ernennung zum unbesoldeten ao. Prof. Zudem arbeitete er bis 1938 an der Heilanstalt für Kopfverletzte, Nerven- und Gemütskranke, dem ehemaligen Obersteiner-Sanatorium.

In politischer Hinsicht ist für Pilcz eine Nähe zum Katholizismus bzw. zum autoritären Ständestaat zu konstatieren. Bereits am 16. Juni 1933 (Mitglieds-Nr. 37.472), also über ein Jahr vor der verpflichtenden Mitgliedschaft, trat er unter der Mitglieds-Nummer 37.472 der Vaterländischen Front bei. Er war Mitglied der CV-Verbindung "Austria" – einer politischen Beurteilung aus der NS-Zeit zufolge war er auch Ehrenmitglied des CV – und gehörte zudem der katholischen St.-Lukas-Gilde und der Leo-Gesellschaft an.

Aufgrund dieser Mitgliedschaften wurde er nach dem "Anschluss", per 22. April 1938, "bis auf weiteres beurlaubt". Neben politischen waren für diese und weitere Maßregelungen aber ebenso "rassische" Gründe ausschlaggebend: Pilcz galt offenbar als "Mischling 2. Grades" bzw. ist er in einer politischen Beurteilung der Ortsgruppenleitung vom März 1942 als „Vierteljude“ angeführt. Ältere Gutachten weisen ihn als "Halbjude[n]" (Kreisleitung I, 1938) bzw. als "Jude[n]" (Gauleitung) aus. Pilcz selbst hatte sich im Übrigen auch durch rassenpsychiatrische Studien einen Namen gemacht, so etwa mit seinen "Beiträgen zur vergleichenden Rassenpsychiatrie" (1906). Anfang des 20. Jahrhunderts hatte er etwa durch Aufzeichnungen einen überproportional hohen Anteil an Jüdinnen und Juden an den Kranken der I. psychiatrischen Klinik angeführt und für diese Gruppe besonders häufiges Vorkommen der Hysterie konstatiert. Nach der Beurlaubung wurde er gemäß § 3 der Berufsbeamtenverordnung (stellvertretend für "rassische" Gründe) per Ende März 1940 zwangsweise in den Ruhestand versetzt. Eine weitere wissenschaftliche bzw. berufliche Tätigkeit in der NS-Zeit ist für Pilcz nicht dokumentiert. Im Reichsärzteregister etwa ist er nicht verzeichnet.

Obwohl Pilcz zu Beginn der NS-Herrschaft in Österreich gar in einer "Gegnerkartei" vermerkt war und die Beurteilungen durchwegs negativ ausfielen, verzeichnete die Ortsgruppenleitung im März 1942, die Einstellung "zum Staate und zur Partei [sei] positiv". Pilcz gehörte der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) an.

Nach Kriegsende kehrte aufgrund seines fortgeschrittenen Alters – er stand im 74. Lebensjahr – nicht mehr an die Universität Wien zurück.

Pilcz erlangte v. a. durch seine Arbeiten zum "periodischen Irresein" sowie zum "myxematösen Irresein" Bedeutung. Sein "Lehrbuch der speziellen Psychiatrie" (1904) war über Jahre hinweg das Standardwerk in deutscher Sprache. Darüber hinaus gelten u. a. "Die periodischen Geistesstörungen" (1901), "Hygiene des Nervensystems" (1925) und "Die Anfangsstadien der wichtigsten Geisteskrankheiten" (1928) zu seinen bekanntesten Werken.

Er war u. a. Ehrenmitglied der Neurological Association Philadelphia, korrespondierendes Mitglied der Medico-psychological Association of Great Britain, der Neurologia Tokio und der société de médico-psychologique Paris, Mitglied der Gesellschaft deutscher Psychiater und Nervenärzte und der Gesellschaft der Ärzte in Wien.

Lit.: Archivalien im BArch: Reichsärzteregister; im ÖStA/AVA: PA Pilcz; im ÖStA/AdR/BMI: GA Pilcz (Nr. 2.564); im UAW: MED PA 404, RA GZ 677 ex 1937/38;
FISCHER 1932/1933, Bd. 2; Wilhelm Kosch, Das katholische Deutschland. Bd. 2. Augsburg 1937; Alma Kreuter, Deutschsprachige Neurologen und Psychiater. Ein biographisch-bibliographisches Lexikon von den Vorläufern bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, München u.a. 1996; PLANER 1929; TEICHL 1951; Klaus Hödl, Performative Beiträge zum Diskurs über den "effeminierten Juden", in: Annette Runte u. Eva Werth (Hg.), Feminisierung der Kultur? Krisen der Männlichkeit und weiblichen Avantgarden, Würzburg 2007, 137-155; Hans Hoff, Nachruf, in: Die Feierliche Inauguration des Rektors der Wiener Universität für das Studienjahr 1954/55, Wien 1955; Michael Hubenstorf, Österreichische Schulen der Psychiatrie und Neurologie, in: Eberhard Gebriel u. Wolfgang Neugebauer (Hg.), Von der Zwangssterilisierung zur Ermordung. Zur Geschichte der NS-Euthanasie in Wien. Teil II, Wien u.a. 2002; MERINSKY 1980, 195-196; UB MedUni Wien/van Swieten Blog.

Andreas Huber




zuletzt aktualisiert am 18.03.2018

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