Präambel

An der Universität Wien wurden im Jahr 1938, mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus über 2.700 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität entlassen und in der Folge vertrieben und/oder ermordet - Lehrende, Studierende und MitarbeiterInnen der Verwaltung, des weiteren wurde über 200 Personen der akademische Grad aberkannt. 70 Jahre nach dem sogenannten "Anschluß" und der Pogromnacht (zynisch: "Reichskristallnacht") erinnert die Universität Wien 2008 an dieses Unrecht und  ...

Fritz Starlinger

  • Geb. am: 07. Jänner 1895
  • Fakultät: Medizinische Fakultät
  • Kategorie: vertriebene Lehrende

Fritz STARLINGER, geb. am 7. Jänner 1895 in Wien, war Dozent für Chirurgie an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien.
Er wurde im Nationalsozialismus aus politischen Gründen verfolgt und 1940 seines Amtes enthoben. Er kehrte 1946 an die Universität Wien zurück.

Starlinger, dessen Vater Psychiater und Leiter der Heil- und Pflegeanstalt Mauer-Öhling war, besuchte das Gymnasium in Seitenstetten, wo er 1913 maturierte, und begann anschließend Medizin an der Universität Wien zu studieren. 1914 rückte er ein und nahm über vier Jahre hinweg am Ersten Weltkrieg teil. Dabei war er drei Jahre mit dem Kaiserschützenregiment Nr. III an der Front und im letzten Kriegsjahr an der chirurgischen Abteilung des Festungsspitals Trient tätig. Im Mai 1921 promovierte er schließlich zum Dr. und arbeitete dann für drei Monate als Hilfsarzt an der Klinik Norbert Ortners. Anschließend war er vier Jahre lang Operationszögling an der I. Chirurgischen Universitätsklinik (unter Anton Eiselsberg), während derer er für drei Monate dem orthopädischen Ambulatorium der Universität Wien zugeteilt war. Ab November 1925 in der Funktion eines ao. Assistenten der chirurgischen Universitätsklinik Innsbruck (Vorstand: Egon Ranzi), die er bis Ende Oktober 1929 innehatte, habilitierte er sich im Februar 1929 als Privatdozent für Chirurgie. Mit 1. November 1929 wechselte er als ao. Assistent an die I. chirurgische Universitätsklinik Wien bzw. zurück zu Eiselsberg.

Der nächste wichtige Karriereschritt Starlingers war die Ernennung zum Vorstand der Chirurgischen Abteilung im Kaiser-Franz-Joseph-Spital (per 1. Februar 1936). Hier zeichnete er sich für die Einrichtung eines Röntgenzimmers, eines kleinen Laboratoriums und eines Archivs verantwortlich und führte gemeinsam mit seinem Assistenten Friedrich Martys erste Angiographien durch. Im Jahr seiner Ernennung hatte er auch den Titel eines ao. Prof. an der Universität Wien erhalten. Laut Reichsärzteregister war er ab März 1936 auch als Facharzt für Chirurgie niedergelassen.

Der "Anschluss" 1938 brachte für Starlinger vorerst keine Konsequenzen mit sich. Knapp zwei Jahre später, Ende November 1939 wurde er allerdings – eigenen Angaben zufolge – nach § 6 der Berufsbeamtenverordnung ohne Anspruch auf eine Pension und mit sofortiger Wirkung als Primarius im Kaiser-Franz-Joseph-Spital entlassen. Welche Gründe dafür ausschlaggebend waren, konnte bspw. das Dekanat im Februar 1940 nicht beantworten. Dieses berichtete im Übrigen davon, dass Starlinger "in den Ruhestand versetzt", also nicht entlassen wurde. Eine Überprüfung ist allerdings nicht möglich, da sich im Bestand "Berufsbeamtenverordnung" des Österreichischen Staatsarchivs kein Schriftstück zu Starlinger findet. Das zwangsweise Ausscheiden aus dem Kaiser-Franz-Joseph-Spital zeitigte auch Auswirkungen auf seine Lehrtätigkeit an der Universität Wien: Im Jänner 1940 teilte er dem Dekanat mit, "mangels zur Verfügung stehenden Krankengutes nicht in der Lage" zu sein, die von ihm angekündigten Vorlesungen zu halten. Starlinger legte zudem Protest beim Reichserziehungsministerium (REM) ein, und wies darauf hin, dass er – abgesehen von der "Vaterländischen Front" – niemals einer politischen Organisation angehört hatte. Starlingers Protest zeigte schließlich Wirkung, und die Reichsstatthalterei hob seine Entlassung (bzw. Pensionierung) mit Bescheid vom 30. März 1940 auf und stellte das Verfahren nach der Berufsbeamtenverordnung ein.

Indessen erreichte ihn im Juli 1940 die nächste Hiobsbotschaft: Das REM beschied sein Ansuchen auf Ernennung zum "Dozenten neuer Ordnung" negativ und erklärte seine Lehrbefugnis mit Ende März 1940 als erloschen. er Betreffende erlangte aber auch hier eine Revision, und das REM nahm die Ernennung drei Monate später vor. Wie im Falle der Maßregelung als Primarius fehlen auch hier jegliche Quellen, die Auskunft über die Gründe geben. Als wahrscheinlich gilt, dass seine Ernennung zum Primiarius während der austrofaschistichen Herrschaft eine maßgebliche Rolle spielte, möglicherweise auch die Tätigkeit unter Egon Ranzi (u. a. Mitglied des Bundeswirtschaftsrates 1934-38) in Innsbruck.

Starlinger, der fünffacher Familienvater war, rückte am 25. August 1939 zur Wehrmacht ein und war hier als beratender Chirurg beim Wehrkreisarzt XVII tätig. Im Frühjahr 1940 folgte in ebendieser Funktion seine Abstellung ins Feld, wobei er sowohl an der West- als auch an der Ostfront im Einsatz war. U. a. war er als Beratender Chirurg beim Militärbefehlshaber Paris, der VII. und IV. Armee und wurde zur persönlichen Verfügung des Generalfeldmarschalls Günther von Kluge berufen (bis Oktober 1943). Ab 2. Jänner 1945 fungierte er schließlich als Abteilungsarzt in der Lungenverletzungsabteilung im Reservelazarett XI a (Rudolfstiftung), bis er am 3. April einem Kriegslazarett in Eferding/Oberösterreich als Chirurg zugeteilt wurde. Er war zuletzt Oberstabsarzt der Reserve und hatte die Ostmedaille sowie das Kriegsverdienstkreuz I. und II. Klasse mit Schwertern erhalten. Der Zweite Weltkrieg brachte in Starlingers Biographie aber auch insofern eine dramatische Episode, als im September 1944 sowohl seine Frau als auch seine älteste Tochter bei einem Bombenangriff ums Leben kamen.

Inwiefern er während des Krieges seiner beruflichen Tätigkeit am Kaiser-Franz-Joseph-Spital und in seiner Privatpraxis nachgehen konnte, ist ungewiss, hatte doch Fritz Demmer nach Starlingers Rehabilitation bereits seine Abteilung übernommen. Eigenen Angaben zufolge war ihm die Übernahme der Abteilung – nach Intervention von Ferdinand Sauerbruch (Deutsche Gesellschaft für Chirurgie) und Staatssekretär Franz Schlegelberger (Reichsministerium für Justiz) – im Frühjahr 1942 wieder gelungen. In einem Lebenslauf Starlingers aus 1944 heißt es, er habe "Ende IV. 1941 die Führung der Abteilung wieder zur Gänze übernommen".

Am Ende des Zweiten Weltkrieges hielt er sich in Eferding auf, wo er das nach der Auflösung des Kriegslazaretts entstandene Behelfskrankenhaus leitete.  Eine Rückkehr nach Wien war ihm vorerst nicht möglich. Zumal die vormals von ihm geleitete Chirurgische Abteilung des Kaiser-Franz-Joseph-Spitals zerstört worden war, suchte er um Zuteilung an eine chirurgische Abteilung einer Wiener Krankenanstalt an. Als er wieder in Wien lebte, war er vorübergehend im Anstaltenamt tätig, um per 1. April 1946 die Leitung der Chirurgischen Abteilung im Wilhelminenspital zu übernehmen. In dieser Funktion verblieb Starlinger bis zu seiner Pensionierung am 31. Dezember 1960. Im gleichen Jahr erfolgte auch die Wiederbestätigung seiner venia legendi an der Universität Wien.

Starlinger gehörte in der Ersten Republik der "Deutschen Gesellschaft für Chirurgie", der "Gesellschaft der Ärzte in Wien" und der "Wissenschaftlichen Ärztegesellschaft Innsbruck" an.

Literatur: Archivalien: BArch, PK, Mikrofilm Nr. L 409; BArch, Reichsärzteregister; ÖStA/AdR, BKA, BBV; ÖStA/AVA, PA Starlinger; UA, MED PA 495; TRAGL 2007, 369-373; Reinhold Busch, Schweizer Ärztemissionen im II. Weltkrieg: Leiden und Sterben in Kriegslazaretten, 2009; UB MedUni Wien/van Swieten Blog.


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zuletzt aktualisiert am 12.03.2018

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